Nach 32 Minuten! Als Ahlenfelder betrunken zur Halbzeit pfiff

Ben Redelings
·Lesedauer: 5 Min.

Der Oberhausener Schiedsrichter Wolf-Dieter Ahlenfelder war ein echtes Original – und äußerst beliebt bei Spielern wie Publikum. Als er 1988 seinen Dienst beim DFB quittierte, sagte die Bundesliga-Ikone Frank Mill stellvertretend für eine ganze Generation: "Der Dicke war einer. Der wird uns fehlen."

Der "Blaue an der Pfeife", wie er sich selbst gerne nannte, überzeugte durch seine joviale Art, sein ausgeprägtes Fingerspitzengefühl und durch seinen feinen Humor: "Wenn ich als Schiri in der Bundesliga zum Einsatz kam, benutzte ich immer eine italienische Polizei-Pfeife. Wenn ich da reingeblasen habe, gingen den Spielern die Schnürsenkel auf."

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Das alles trug zu seiner Popularität bei. Doch berühmt, legendär und unsterblich wurde Wolf-Dieter Ahlenfelder vor genau 45 Jahren, als er etwas tat, was vor ihm und nach ihm nie wieder ein Schiedsrichter probiert und dann auch noch wirklich in die Tat umgesetzt hat. Es ist nichts anderes, als die wohl berühmteste Geschichte der Bundesliga-Historie.

Ahlenfelders folgenschwerer Absacker

Wir schreiben den 8. November 1975, als der Oberhausener Unparteiische Wolf-Dieter Ahlenfelder mit seinen beiden Linienrichter-Kollegen in der Vereinsgaststätte von Werder Bremen sitzt und gemütlich zu Mittag isst. Der Jahreszeit entsprechend wird eine Gans mit Rotkohl und Klößen aufgetischt. Die drei speisen genüsslich, klönen ein bisschen und vergessen darüber die Zeit.

Als um 14.30 Uhr Werders Schiedsrichterbetreuer Richard Ackerschott an ihren Tisch kommt und fragt, wann die Männer in Schwarz sich denn warmzumachen gedenken, packen sich die drei an ihre prall gefüllten Bäuche und stellen gut gelaunt fest: So werde das heute wohl nichts werden.

Und dann entscheiden sie, ihre Mägen erst einmal mit ein oder zwei schnellen Bieren durchspülen zu wollen. Und siehe da: Das klappt erstaunlich gut. Die Gans beginnt zu schwimmen.

Doch mittlerweile ist es schon 14.45 Uhr, und noch wollen das gebratene Federvieh, der Rotkohl und die Klöße nicht so richtig absacken. Doch eine weitere Maßnahme ist schon in Planung. Man entschließt sich spontan, das widerborstige Essen nun härter zu bekämpfen und bestellt neben einer neuen Runde Pils auch einen Malteser.

Eine Flasche Mund-Deo zur Spiel-Vorbereitung

Und weil das so gut funktioniert, wiederholen die drei fröhlichen Männer den Spaß noch ein, zwei Mal und gehen dann, in prächtiger Stimmung und bereits mächtig angeschickert, runter zum Umziehen - schließlich steht heute noch die Bundesligapartie des SV Werder Bremen gegen Hannover 96 auf dem Programm.

Doch wo ist nur diese verflixte Kabine? Ahli und seine zwei Begleiter irren durch die Katakomben und finden trotz längerem Suchen ihren Raum nicht. Erst auf Nachfragen werden sie fündig. Lachend schmeißen sie sich in ihre schwarze Kluft und warten auf den Schiedsrichterbetreuer, der sie aufs Feld führen soll.

Als dieser jedoch die Kabine der drei Offiziellen betritt, geht er schnurstracks wieder hinaus und besorgt erst einmal eine Flasche Mund-Deo. Richard Ackerschott glaubt so, tatsächlich verbergen zu können, was mittlerweile allzu offensichtlich ist und vor allem auch dementsprechend riecht.

Die folgenden Geschehnisse schildert Schiedsrichter Ahlenfelder so: "Nach dreißig Minuten habe ich zur Halbzeit abgepfiffen. Nicht fragen, weshalb, wieso, warum. Da hatten wir wohl einen zu viel getrunken, ich weiß es auch nicht. Ja, das ist Ahlenfelder." Genau so ist es.

Die Partie wird schon nach einer halben Stunde unterbrochen. Genauer gesagt: Nach 32 Minuten, wie das Fachmagazin kicker am darauffolgenden Montag in seiner Ausgabe zum spektakulären Wochenend-Highlight verkündete. Der durchdringende Pausenpfiff von Ahlenfelder sorgte für völliges Unverständnis bei den Spielern, Irritationen bei den Zuschauern und blankes Entsetzen bei den Offiziellen beider Vereine.

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Als Ahlenfelder gerade Richtung Katakomben abmarschieren will, stellt sich ihm jedoch der Bremer Abwehrrecke Horst-Dieter Höttges in den Weg. Freundlich wendet er sich an den Mann in Schwarz: "Schiri, sind Sie sicher, dass schon Halbzeit ist?" Jetzt ist auch Ahlenfelder irritiert: "Warum denn nicht, Herr Höttges?"

"Was nun, Herr Höttges?"

Der Bremer zeigt auf sein Jersey: "Mein Trikot, wissen Sie, ist in der Halbzeit immer klitschnass. Und schauen Sie mal, das ist ja noch fast staubtrocken!“ Ahlenfelder fasst das Shirt an, nickt Höttges fast beschwörend zu und fragt mit trotzig-zittriger Stimme: "Und was nun, Höttges?"

Der Bremer deutet zur Seitenlinie. Dort tippt einer der beiden Linienrichter intensiv auf seine Armbanduhr und zeigt dann hoch zur großen Stadionuhr. Es ist erst kurz nach vier. Ahlenfelder versteht geistesgegenwärtig, was zu tun ist, pfeift seine dritte Bundesligapartie erneut mit einem Schiedsrichterball an - und nach insgesamt nur 42 Spielminuten dann endgültig in die Halbzeitpause.

Findige Geschäftsleute reagieren schnell und bieten in ihren Kneipen eine echte Neuerung an, die sich der Sage nach bis heute in der Werder-Vereinsgaststätte gehalten hat.

Der legendäre Schiedsrichter, der es als einziger Unparteiischer bis auf den heutigen Tag schaffte, ein Bundesligaspiel bereits nach knapp dreißig Minuten in die Halbzeit zu pfeifen, sagt selbst über den Kneipen-Clou: "Wenn man in Bremen einen Ahlenfelder bestellt, bekommt man ein Malteser-Bier-Gedeck. Da bin ich stolz drauf."

Ben Redelings wurde 1975 im Flutlichtschatten des Bochumer Ruhrstadions geboren und ist Experte für die unterhaltsamen Momente des Fußballs. Sein aktueller Bestseller „Das neue Buch der Fußballsprüche“ verkauft sich sprichwörtlich wie das gut gekühlte Stadionbier. Als SPORT1-Kolumnist schreibt Ben regelmäßig über die „Legenden des Fußballs“ und „Best of Bundesliga“.