30 Milliarden Euro zu wenig für Bildung – pro Jahr

Die OECD kritisiert das Land der Denker und Tüftler – denn Deutschland hinkt bei den Bildungsausgaben international weit hinterher. Die Hochschulen sind ebenso unterfinanziert wie die Grundschulen.


„Deutschland müsste pro Jahr rund 30 Milliarden Euro mehr in die Bildung stecken um auch nur das Durchschnittsniveau der Industrieländer zu erreichen“, stellte der Chef des OECD-Büros in Berlin, Heino von Meyer, trocken fest. Denn aktuell steckt die Bundesrepublik 4,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in die Bildung - OECD-weit sind es 5,2 Prozent, sagte er bei der Vorstellung des neuesten OECD-Bildungsvergleichs. Der Rückstand von rund einem Prozentpunkt hält sich nun hartnäckig seit einem Jahrzehnt.

Nötig wären Mehrausgaben im Schulbereich vor allem in den Grundschulen, „wo die entscheidenden Weichen“ gestellt werden, so Meyer mit Blick auf den steigenden Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund und die Flüchtlinge. Nötig seien hier etwa wesentlich mehr Sozialpädagogen. Es könne auch nicht sein, dass Grundschul-Lehrer deutlich weniger verdienen wie die an Gymnasien. Während deutsche Lehrer insgesamt im OECD-Vergleich Spitzengehälter einstreichen, liegen die Grundschullehrer unter dem Durchschnitt. Auch deshalb leiden die Grundschulen nach Angaben der Kultusminister aktuell am meisten unter dem zunehmenden Lehrermangel.


Lob erntet Deutschland für den mit 37 Prozent OECD-weit höchsten Anteil von Hochschulabsolventen in den Mint-Fächern, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, die die Basis für den Technologiestandort bilden. Allerdings stellen Frauen nach wie vor nicht mal ein Viertel der Ingenieure - das ist deutlich weniger als der Durchschnitt.

Die Ausgaben für die Hochschulen sind zwar insgesamt gewachsen, allerdings weit langsamer als die Zahl der Studenten. Die Investition pro Kopf daher sind in nur vier Jahren um elf Prozent gesunken, kritisiert die OECD. Der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Horst Hippler, fordert daher: „Die Grundfinanzierung der Hochschulen muss endlich konsolidiert werden“. Trotz rasant steigender Studentenzahlen - seit dem Jahr 2000 von 1,8 auf aktuell 2,76 Millionen - stagnierten die Investitionen in die Hochschulen bei 1,2 Prozent des BIP. „Damit liegen wir weiter deutlich nicht nur hinter den USA oder Kanada, sondern auch hinter Großbritannien, Japan, Frankreich und Russland“, so Hippler.

Pro Studierendem gibt Deutschland zwar noch etwas mehr aus als die OECD-Mitgliedsländer im Schnitt. Rechnet man jedoch die Investition in Forschung und Entwicklung an den Hochschulen heraus, sind es pro Jahr noch 9.300 Dollar - und damit fast zehn Prozent weniger als der Durchschnitt, von 10.300 Dollar.


In die hierzulande seit Jahren heftig geführte Debatte über einen angeblichen „Akademikerwahn“ und die Konkurrenz zwischen beruflicher und akademischer Bildung will sich die OECD nicht einmischen. Letztlich sei es „egal, ob Meister oder Master, egal, ob Lehre oder Abi“, sagte von Meyer, entscheidend sei das Niveau. Denn die Vorteile eines tertiären Abschlusses sind erheblich: So verdienen Erwachsenen mit Studium oder höherer beruflicher Bildung wie Meister oder Techniker im Schnitt 66 Prozent mehr als solche mit Berufsausbildung.

Nachlegen müsse Deutschland jedoch dringend „am unteren Rand“, mahnt von Meyer, denn die Erwerbsaussichten der Geringqualifizierten verschlechtern sich weiter. Auch in Deutschland haben 13 Prozent, also mehr als jeder achte, der 25– bis 34-Jährigen weder eine berufliche Qualifikation noch Abitur. Das ist zwar weniger als im OECD-Schnitt, aber deutlich mehr als in anderen Ländern mit dualer Berufsbildung wie Österreich oder der Schweiz, so die OECD.


Dabei betrachtet die Industrieländerorganisation nicht nur die wirtschaftliche Situation, sondern auch die gesundheitliche. Dass Geringverdiener im Schnitt eher krank sind und früher sterben ist bekannt. Erstmals hat die OECD dieses Jahr die Quoten der von Depressionen Geplagten in ihren Vergleich aufgenommen. Interessant sei dabei nicht der internationale Vergleich, so von Meyer, denn hier spielten kulturelle Unterscheide eine große Rolle. Entscheidend sei der nationale Vergleich: Danach leiden in Deutschland acht Prozent der Männer mit einem tertiären Abschluss, also Studium oder einer höheren beruflichen Bildung, nach eigenen Angaben an Depressionen - bei denen, die weder eine Lehre noch Abitur haben, sind es dagegen 16 Prozent. Die Werte für Frauen betragen zehn und 18 Prozent.