3 deutsche Biotech-Aktien für die nächsten 20 Jahre

Dr. Stefan Graupner, Motley Fool beitragender Investmentanalyst

Nachdem Deutschland nach der Jahrtausendwende ca. 50 % aller Biotech-Unternehmen dank der Internetblase verloren hatte, haben sich einige der Überlebenden zu echten Vorzeigeunternehmen gemausert. Und gerade jetzt gibt es drei spannende Biotechs, die neben ihrem sehr guten Chance-Risiko-Verhältnis in 2018 entscheidende Meilensteine erreichen wollen.

Warum jetzt in Biotech investieren und 20 Jahre halten?

Ich möchte niemandem die Pistole auf die Brust legen, doch das Schöne an jungen Biotech-Unternehmen ist das hohe Wachstumspotenzial der meist Patent-geschützten Wirkstoffe oder Technologien. Und wenn dann noch die Risiken von Fehlschlägen minimiert werden können, hat man häufig mit Vervielfacher-Aktien zu tun.

Gerade bei neuen Medikamenten, die durch drei Klinische Phasen gebracht werden müssen, werden oft genug die definierten „Primären Endpunkte“ nicht erreicht. Solch primäre Endpunkte sind z. B. die Überlebensrate oder das Risiko eines Rückfalls, die oft als „Goldstandard“ gesehen und statistisch erfasst werden. Und tatsächlich fallen ca. 35 % aller Wirkstoffe in Klinischer Phase III noch durch.

Es gibt aber auch andere Biotech-Unternehmen, die Medizinprodukte herstellen, Nachahmerpräparate produzieren oder neuartige Sedativa entwickeln.

Nanopartikel zerstören Tumore

Ein Unternehmen ist die MagForce AG (WKN:A0HGQF) aus Berlin, die Tumore durch Wärme von innen heraus zerstört, indem magnetische Nanopartikel in einen Tumor gebracht und in einem magnetischen Wechselfeld erwärmt werden. Umliegendes gesundes Gewebe wird geschont, da die Partikel aufgrund ihrer Hüllstruktur im Gewebe verbleiben.

Das Beste nun ist, dass das Verfahren schon die europäische Zulassung erhalten hat. Anders als bei Krebsmedikamenten, handelt es sich hier um ein Medizinprodukt. Und die Zulassung als Medizinprodukt erfolgt wesentlich schneller und kostet auch deutlich weniger.

Das als „NanoTherm-Therapie“ bezeichnete Verfahren wurde bereits klinisch erfolgreich an etwa 90 Patienten mit Hirntumoren und etwa 80 Patienten mit anderen Tumoren wie Bauchspeicheldrüsen-, Prostata- oder Speiseröhrenkrebs getestet.

Hervorragend auch, dass MagForce eine Unternehmenstochter in den USA hat, die sowohl eine Glioblastom- als auch eine Prostatastudie durchführt. Mit der Fähigkeit, kleine Prostatatumoren komplett zu zerstören, hat NanoTherm ein sehr großes Potenzial, als Monotherapie bei intermediärem Prostatakrebs eingesetzt zu werden. Erwartet wird zudem, dass Nebenwirkungen einer Standardtherapie, wie die Beeinträchtigung urologischer und sexueller Funktionen, vermieden werden können.

Warum ist die Aktie gerade jetzt so interessant? Die Marktzulassung in den USA ist schon für Mitte 2018 geplant, und bei Erfolg wird sich ein Megamarkt auftun, bei dem es keinen direkten Wettbewerber gibt.

Fast wie das Original, aber billiger

Für viele biotechnologisch hergestellte Medikamente mit Milliardenumsätzen laufen die Patente aus, so dass immer mehr sogenannte „Biosimilars“ den Markt überschwemmen und die Markenprodukte einem starken Konkurrenzdruck aussetzen. Das macht großen Pharmafirmen immer mehr das Leben schwer.

Formycon (WKN:A1EWVY) aus München hat Biosimilars für Lucentis, Stelara und Eylea in der Pipeline, die zusammen auf ein derzeitiges Marktvolumen von ca. 10 Mrd. US-Dollar abzielen. Das Lucentis-Biosimilar sowie das Eylea-Biosimilar wurden bereits auslizenziert.

Die entscheidende Frage: Wann laufen die Patente für die Originalprodukte aus? Das Lucentis-Patent endet 2020 in den USA und 2022 in Europa, sodass dieses Biosimilar ab 2020 Umsätze generieren könnte. Von den mehr als ca. 4 Mrd. US-Dollar Umsatz für Lucentis könnte sich Formycon vermutlich mehrere 100 Mio. US-Dollar Umsatz sichern.

Interessant dazu ist eine Analyse von Citi Research aus 2016, die prognostizierte, dass die Hersteller von biopharmazeutischen Originalpräparaten zwischen 2015 und 2025 mehr als 360 Milliarden US-Dollar Umsatz einbüßen und Erlöse im Volumen von mehr als 110 Milliarden US-Dollar auf Biosimilars übergehen werden.

Genau von diesem Kuchen möchte Formycon ein großes Stück abbeißen, um die derzeitige Marktkapitalisierung von ca. 300 Mio. Euro massiv zu steigern. Mit einem möglichen Umsatz von mehr als 100 Mio. US-Dollar schon in 2020 steht Formycon sozusagen vor dem Erklimmen des Gipfels.

La Le Lu

… nur der Mann im Mond schaut zu … Die Paion AG (WKN:A0B65S) aus Aachen hat mit Remimazolam ein ultrakurz wirksames intravenöses Sedativum und Anästhetikum entwickelt, das verglichen mit dem bisherigen Standard Midazolam deutliche Vorteile hat. Man schläft durch die Narkose nicht nur schneller ein, sondern wacht auch schneller auf.

Wichtig ist, dass Wirksamkeit und Sicherheit bereits in klinischen Studien bei über 1.500 Probanden und Patienten gezeigt wurden. Und das Beste, weil der größte Markt: Remimazolam befindet sich derzeit am Ende der klinischen Entwicklung für Kurzsedierungen in den USA.

Zudem hat Paion in allen wichtigen Märkten bereits potente Vertriebspartner und wird Remimazolam in Europa vermutlich selbst vermarkten. Das Marktpotenzial liegt bei massiven 1,5 Mrd. US-Dollar weltweit, und der Patentschutz reicht bis 2031, sodass Midazolam vermutlich bald massiv Marktanteile verlieren und an Remimazolam abgeben wird.

Interessant an Remimazolam ist, dass es nicht in der Leber, sondern im Gewebe selbst durch Enzyme (Esterasen) abgebaut wird. Daher wirkt es nicht nur sehr schnell, sondern klingt auch schnell wieder ab, ohne dabei toxische Abbauprodukte zu hinterlassen oder die Leber zu belasten. Das Sicherheitsprofil sieht daher auch sehr positiv aus.

Fazit

Diese drei deutschen Biotechs sind verglichen mit ähnlichen US-Unternehmen sehr günstig bewertet, haben klare Alleinstellungsmerkmale sowie starken Patentschutz. Zudem haben sie bereits Zulassungen (Formycon und MagForce) oder starke klinische Daten von mehr als 1.000 Patienten (Paion), sodass das „Restrisiko“ eines Scheiterns kalkulierbar erscheint.

Dies sind meiner Meinung nach Aktien, die man Foolish lange Zeit liegen lassen und sich dann freuen kann.

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Stefan Graupner besitzt Aktien von Paion und MagForce. The Motley Fool besitzt keine der erwähnten Aktien.

Motley Fool Deutschland 2017