Nach 3:30 brennt die Bude

Schon etwa eineinhalb Minuten nach der Zündung wird sichtbar, dass de Flammen sich binnen kürzester Zeit ausbreiten - mit unvorstellbarer Gewalt.


Bei Minute 1:30 gleichen sich die Bilder noch. Zwei Versuchsräume im Brandlabor des US-Forschungszentrums Unterwirters Laboratories haben die Forscher mit typischen Wohnzimmermöbeln eingerichtet und in einer Sofaecke eine brennende Zigarette deponiert und in einem viel beachteten Video aufgezeichnet, was dann passiert. Was die Räume – zu diesem Zeitpunkt noch kaum erkennbar – unterscheidet, ist ihr Mobiliar: Im einen Fall stammen Möbel, Vorhang, Tapeten frisch aus dem Möbelcenter, im anderen Ausstattung, wie sie bis in die späten Sechzigerjahre üblich war.


Eiche rustikal mag heute nicht mehr besonders gefragt sein. Doch was die Aufnahmen schon kurz nachdem die ersten Flammen – etwa eineinhalb Minuten nach der Zündung – sichtbar werden, überdeutlich machen ist: Im historischen Wohnzimmer (über-) lebt es sich bedeutend besser. Oder umgekehrt, moderne Möbel, Gardinen oder Teppiche haben ein ganz anderes, dramatisch intensiveres Brandverhalten. Bricht darin Feuer aus, wird es binnen kürzester Zeit lebensgefährlich.

Wo der Vergleichsfilm im „alten“ Mobiliar auch zwei Minuten nach Zündung kaum mehr als ein leises Flackern in der Sofaecke zeigt, fackelt im „modernen“ Raum bereits das erste Möbelstück, frisst sich das Feuer den Vorhang entlang zur Decke hoch, wo sich bereits dichter, schwarzer, giftiger Rauch staut. Noch eine Minute später – die Lage im „alten“ Zimmer ist unverändert, ein Eimer Wasser reichte, alle Flammen zu ersticken – ist im neuen Zimmer nichts mehr zu retten: Die Zimmerecke steht in Vollbrand, der Raum von der Decke herab zur Hälfte mit giftigen Qualm gefüllt.

Die Hitze im Zimmer würde jeden privaten Löschversuch scheitern lassen. Wer sich als Bewohner jetzt nicht in Sicherheit gebracht hätte, dem wäre kaum mehr zu helfen. Nochmals 30 Sekunden später, bei 3:30, brennt schlagartig das gesamte moderne Zimmer.


Es sind Feuerversuche wie diese, die Brandschutzexperten in den Tagen nach der Brandkatastrophe am Grenfell-Tower in London wieder intensiv diskutieren. Denn sie zeigen ein entscheidendes Problem bei der Bewertung möglicher Risiken bei modernen Zimmer- und Wohnungsbränden – und den daraus abgeleiteten Normen, die definieren, welche Baustoffe als leicht, mittel oder schwer entflammbar gelten. Wie etwa jene, die als Isolierplatten millionenfach an deutschen Fassaden für Wärmedämmung sorgen sollen.

Da aber, warnen Brandschutzexperten wie etwa Reinhard Ries, Chef Berufsfeuerwehr Frankfurt, klaffen Theorie und Praxis gefährlich weit auseinander: „Wir haben das Problem, dass das in den Prüfungen angenommene Szenario eines Zimmerbrandes bei der freigesetzten Energie viel zu niedrig liegt – gemessen an den aktuellen Erkenntnissen zu Zimmer- und Gebäudebränden.“ Genau das zeigt auch das Video der US-Forscher. Und Ries, fährt fort: „Die [bei den Prüfungen] angenommenen Brandlasten sind völlig unrealistisch. Heute wird da sehr viel schneller, sehr viel mehr Energie frei als früher, aber wir prüfen immer noch nach den historischen Prüfkriterien.“


Dringender Nachholbedarf

Reis‘ Kollege Peter Bachmaier, Abteilungsleiter Einsatzvorbeugung bei der Münchner Feuerwehr und Deutschlands führender Experte beim Vorbeugenden Brandschutz, rechnet vor: „So geht die DIN etwa bei ‚Norm‘-Zimmerbränden davon aus, dass dabei eine Wärmemenge von 350 Kilowatt  auf die Fassade freigesetzt wird. Dabei wissen wir durch Brandversuche, dass alleine ein moderner, mit PU-Schaum gepolsterter Polstersessel zwei Megawatt an Energie freisetzt – das ist das mehr als Fünffache. Ein Baustoff, der normgemäß also noch als widerstandsfähig gegen Feuer gilt, hält einem ‚normalen‘ Zimmerbrand keineswegs so zuverlässig stand.“


Das Deutsche Institut für Normung (DIN) bei dem Vertreter von Herstellern, Behörden, Umwelt- und Verbraucherverbänden die Prüfregeln definieren, verweist auf Anfrage darauf, dass die Normen alle fünf Jahre auf Relevanz überprüft und „bei Bedarf aktualisiert/überarbeitet“ würden. Im Übrigen gelte in den Normausschüssen das Prinzip des Konsenses „dessen Kern die ausgewogene Berücksichtigung aller Interessen bei der Meinungsbildung“ sei. Dieses Verfahren, das beispielsweise ein Übergewicht der Interessen von Industrievertretern vermeiden soll, sei aber, berichten Teilnehmer aus den Normungsausschüssen, zugleich das Problem der Abstimmungen. „Am Ende komme selten das Mögliche oder Wünschenswerte sondern bestenfalls eine Art Minimalkonsens dabei raus.“

Oder es dauert Jahre, bis sich bei den Vorgaben – entweder bei den Normen oder bei den Bauvorschriften – überhaupt etwas ändert. So war etwa der Einbau sogenannter Brandriegel in Wärmedämmungen an Fassaden über Jahre nur über Fensteröffnungen vorgesehen. Diese breiten Balken aus nicht brennbaren Materialien sollten verhindern, dass Flammen, die bei einem Zimmerbrand aus dem Fenster schlagen, die Dämmung an der Wand in Brand setzen.


Auch da aber, mahnten Brandschützer über Jahre, lagen Norm und Realität allzu weit auseinander. Und zwar nicht bloß weil – siehe oben – das Normfeuer im Zimmer längst nicht mehr der Realität entspricht, sondern auch, weil die größte Gefahr für Fassaden offenbar gar nicht von innen droht. Seit 2012 hatten die deutschen Feuerwehren Brandfälle zusammengetragen, bei denen Gebäude mit Wärmedämmung auf Basis von Styropor betroffen waren. Dabei stellten sie fest, „zwei Drittel der Brände entstanden vor dem Gebäude“.

Das – immerhin – haben die Verantwortlichen beim Deutschen Institut für Bautechnik inzwischen erkannt und die Vorschriften angepasst. Zwar ist der (vom DIN festgelegt) Normbrand noch immer unverändert. Aber nun schreiben die Bauregeln für neue Bauten durchgehende Brandsperren in der Dämmung vor, eine über den Erdgeschoss und dann wieder alle zwei Geschosse. Doch das noch immer keine wirklich sichere Lösung, mahnen die Brandschützer wie der Bonner Feuerwehrchef Jochen Stein. Denn das Risiko, dass sich ein Brand von außen vom Boden in die Dämmung frisst, sei noch immer ungelöst. „Bei den Prüfbedingungen und dem Schutz der Gebäudesockel muss aber dringend noch etwas getan werden.“