280 Millionen Dollar für grenzenlose Zahlungen


Grenzüberschreitende Zahlungen gehören zu den letzten verbliebenen Leistungen, mit denen Banken noch viel Geld verdienen können. Das weckt auch Begehrlichkeiten bei jungen Finanztechnologie-Start-ups. Eines von ihnen heißt Transferwise, wurde 2011 in London gegründet und hat gerade eine Finanzierungsrunde über stolze 280 Millionen Dollar abgeschlossen. Co-Gründer und Geschäftsführer Kristo Käärmann freut sich im Gespräch mit dem Handelsblatt besonders über das breite Spektrum der Investoren: „Wir haben nicht nur Star-Investoren aus dem Silicon Valley, sondern mit Old Mutual Global Investors nun auch einen Geldgeber, der üblicherweise eher konservativ agiert.“ Aus dem Silicon Valley kommt als zweiter Hauptinvestor das Venture-Capital-Unternehmen IVP, das schon in Twitter, Dropbox und Snap investiert hat. Auch bisherige Investoren wie Richard Branson und Andreessen Horowitz haben sich erneut beteiligt.

Der grenzüberschreitende Zahlungsverkehr ist ein riesiger Markt. Laut einer Studie der Unternehmensberatung McKinsey aus dem vergangenen Jahr geht es jährlich um Transaktionen in Höhe von etwa 162 Billionen Dollar – wobei das Gros auf Geschäftskunden entfällt. Zu den größten Akteuren gehören neben Banken seit Jahrzehnten auch Dienstleister wie Western Union und MoneyGram. Fintechs bilden nun eine neue Gruppe von Wettbewerbern. Dank moderner Technologie unterbieten sie die traditionellen Anbieter bei den Gebühren und bieten zugleich einen hohen Bedienkomfort. Neben Transferwise gibt es beispielsweise WorldRemit, Revolut und Azimo. Während diese drei vorwiegend auf Privatkunden zielen, will sich Transferwise vor allem auf Selbständige und kleinere Unternehmen fokussieren.



Die Idee zu seinem Start-up, das er gemeinsam mit Taavet Hinrikus gründete, hat Käärmann schnell erklärt: „Die Gebühren für internationalen Geldtransfer sind ein gesellschaftliches Problem. Für Verbraucher entstehen dadurch jedes Jahr Kosten zwischen 160 und 200 Milliarden Dollar“, so der 37-Jährige. Laut Unternehmensberatung McKinsey machen grenzüberschreitende Zahlungen zwar nur 20 Prozent des gesamten Zahlungsverkehrs aus, doch dabei entstehen 50 Prozent der gesamten Transaktionsgebühren. Mit der Gründung von Transferwise wollten die jungen Männer das ändern. Kostenlos ist der Service auch bei ihnen nicht, aber transparent: Sie behalten 0,5 Prozent des Überweisungsbetrags als Gebühr ein und tauschen den Rest zum „echten Devisenmittelkurs“ in die gewünschte Währung um. Für den Geldempfänger entstehen keine Gebühren. Insgesamt sind Transfers in 43 verschiedene Währungen möglich.

Seit Anfang dieses Jahres ist Transferwise nach eigenen Angaben profitabel. Diese Aussage beziehe sich auf das EBITDA, bestätigt Käärmann, also den Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen. Bisher arbeitet das Fintech mit einer britischen E-Geld-Lizenz. Das neu eingeworbene Investorengeld könnte helfen, eine vollständige Banklizenz zu erwerben. Gegenüber dem Handelsblatt wiegelt Käärmann aber ab: „Die Banklizenz würde unser Geschäft nicht weiter voranbringen.“ Er will das Geld vor allem für die Expansion in neue Märkte und die Weiterentwicklung eines grenzenlosen Kontos (Borderless Account) nutzen. Der Schwerpunkt des internationalen Wachstums soll in den kommenden Jahren vor allem auf der Asien-Pazifik-Region liegen, für 2018 sei der Markteintritt in Indien geplant.



Die „grenzenlosen Konten“ hatte Transferwise in diesem Mai gestartet, mittlerweile sind sie in den USA, Europa und Australien verfügbar. Nutzer können damit in bis zu 28 Währungen Zahlungen tätigen und erhalten für diese Länder jeweils lokale Konto-Daten – so als hätten sie ein Bankkonto vor Ort. Bisher hat das Fintech damit vor allem auf Selbständige und Unternehmen gezielt. Im kommenden Jahr soll es ein entsprechendes Konto auch für Privatleute geben – inklusive Debitkarte. „Am stärksten profitieren kleinere Unternehmen von diesen Konten, aber auch für Verbraucher, die in unterschiedlichen Ländern leben und arbeiten, können sie sehr nützlich sein“, meint Käärmann.


„Wir haben von Anfang an global gedacht“


Als Hauptkonkurrenten nennt Käärmann traditionelle Banken. „Wir befinden uns noch ganz am Anfang eines Wandels, den wir durch unsere günstigen Konditionen und unsere grenzenlosen Konten auslösen“, sagt er. Auf diesem Weg kooperiert er bereits mit mehreren Fintech-Banken. So können Kunden der Smartphone-Bank N26 direkt über ihre N26-App Auslandsüberweisungen per Transferwise tätigen. „Wir schätzen diese Kooperation, denn Transferwise lässt sich darüber sehr komfortabel nutzen“, sagt Käärmann. Eine entsprechende Partnerschaft wurde auch schon mit der Starling Bank in Großbritannien gestartet „und weitere werden folgen“.

Ein 280-Millionen-Dollar-Investment – das ist viel Geld. Insgesamt hat Transferwise seit seiner Gründung nun sogar schon 397 Millionen Dollar erhalten. Deutsche Fintechs können von solchen Beträgen meist nur träumen. Eine Übersicht des Düsseldorfer Unternehmensberaters Peter Barkow zeigt, dass es bisher erst einem deutschen Finanz-Start-up gelungen ist, in einer einzelnen Finanzierungsrunde einen dreistelligen Millionenbetrag einzusammeln: dem Kreditvermittler Kreditech. Die Hamburger warben im Mai 120 Millionen Dollar ein und hatten in früheren Runden bereits 92 und 40 Millionen erhalten. Platz drei der größten Einzel-Investments belegt laut Barkow der Fintech-Inkubator Finleap mit 45 Millionen Dollar. Die Smartphone-Bank N26 konnte ebenfalls 40 Millionen für sich verbuchen.



Ein großes Investment gehet auch mit großen Erwartungen der Investoren einher: „Transferwise ist eines der aufregendsten Technologieunternehmen der Welt und wir beobachten es schon seit Jahren,“ lässt sich Jules Maltz, General Partner des neuen Investors IVP, in einer Mitteilung von Transferwise zitieren. „ Wir investieren nur selten in europäische Unternehmen, aber diese Gelegenheit war zu gut, um sie zu verpassen.“

Schon heute hat Transferwise nach eigenen Angaben 700 Mitarbeiter an neun Standorten. London ist dabei der Hauptsitz, obwohl die Gründer ursprünglich aus Estland stammen. Dort hat Käärmann einen Master-Abschluss (MA) in Mathematik und Informatik erworben, lebt aber bereits seit 2007 in London. „Ländergrenzen haben in meinem Leben noch nie eine große Rolle gespielt“, erklärt er. „Wir verstehen uns nicht als britisches Unternehmen, sondern haben von Anfang an global gedacht.“

KONTEXT

Tipps für erfolgreiche Fintech-Kooperationen

Flucht aus den vier Wänden

Ein eigenes Innovationslabor innerhalb eines Start-up-Ökosystems kann helfen, sich von organisatorischen und kulturellen Zwängen zu lösen. Komplett abgeschnitten von der Hauptorganisation sollte dies aber auch nicht sein, eine umsichtige Verbindung fördert den wirtschaftlichen Erfolg.

Schneller Anbindungsprozess

Große Organisationen sollten flexible Prozesse bereithalten, um Fintechs schnell einzugliedern.

Pragmatischer Umgang mit intellektuellem Eigentum

Lizenzbedingungen gewinnen an Bedeutung. Deshalb sollten Banken auch hier einen flexiblen Ansatz wählen.

Koordinierte Innovationsstrategie

Fintechs werden immer unterschiedlicher und Fintech-Zentren entwickeln sich global. Multinationale Banken brauchen deshalb einen koordinierten Plan und eine zentrale Wissensbasis, um die attraktivsten Innovationen zu identifizieren.

Die Partner kennen

Bevor Banken mit einem Fintech kooperieren, sollten sie die Gründer persönlich kennenlernen. Das bringt mehr Erkenntnisse als beispielsweise ein 200-seitiger Fragebogen.

Das richtige Investmentmodel

Zunächst einen Minderheitsanteil an einem Fintech zu erwerben kann sinnvoller sein als das junge Unternehmen gleich komplett zu übernehmen. So wird vermieden, dass Innovationen ausgebremst werden.

Quelle

Simmons & Simmons, Hyperfinance, April 2017

KONTEXT

Rang 7

Kooperation mit Drittanbietern wie Fintechs (57 Prozent)

Rang 6

Angebote zur Personalisierung (69 Prozent)

Rang 5

Wahl der richtigen technischen Plattform (71 Prozent)

Rang 4

Bereitstellen von Echtzeit-Informationen während einer Transaktion (71 Prozent)

Rang 3

Co-Innovation mithilfe von Kundenfeedback (72 Prozent)

Rang 2

Einheitliches und konsistentes Nutzererlebnis auf allen Endgeräten (79 Prozent)

Rang 1

Richtiger Umgang mit Sicherheitsaspekten

Quelle

GFT Digital Banking Survey, Stand Juni 2016