Mit 20 ist sie das Gesicht der FDP: heute bringt sie Frauen bei, was sie dort lernte

Edith Löhle

Wenn Tijen Onaran das Landtagswahlplakat der FDP in Karlsruhe von 2006 sieht, muss sie schmunzeln. Denn darauf sieht sie sich selbst, 20 Jahre jung, mit einem Style, den man eben vor über zehn Jahren so trug und heute meist nicht mehr ganz versteht. Ihr Blick ist bestimmend und der Spruch zukunftsweisend: „Frühzeitig handeln heißt rechtzeitig Chancen wahrnehmen“. Sie holt damit 8,75 Prozent und setzt den Grundstein ihrer Karriere.

Dass Tijen in die Politik gehen würde, prophezeiten die Eltern früh, immerhin verging kein Tag an dem sie am Küchentisch nicht diskutierte und versuchte, Lösungen zu finden. Während sie dann Politische Wissenschaft, Geschichte und Öffentliches Recht studiert, arbeitet sie für Europa-, und Bundestagsabgeordnete, betreut den Europawahlkampf von Silvana Koch-Mehrin 2009 und anschließend den Bundestagswahlkampf von Guido Westerwelle. 2016 macht sie sich selbstständig und gründet Women in Digital e.V. – was Tijen in der Politiklaufbahn lernte, setzt sie heute zusammen mit ihrer Businesspartnerin Constanze Wolff bei WIDI ein, um Frauen in der Digitalbranche zu vernetzen und weiterzubringen.

Netzwerken Männer und Frauen eigentlich anders? Wie fühlt es sich an, mit 20 von der politischen Laufbahn zu träumen? Und wie geht man richtig mit einem Shitstorm um? Tijen hat sich all unseren Fragen gestellt...

Wie würde deine Mutter deinen Job erklären?
Ich habe sehr lange und sehr intensiv versucht, mit allen Metaphern zu erklären, was ein Netzwerk ist, was die Digitalbranche ist, was Digitalisierung an sich ist. Eigentlich sind meine Eltern ausgestiegen, nachdem ich mich aus der Politik zurückgezogen habe. Lange wussten sie nicht so richtig, was ihre Tochter macht. Dann gab es ein ZDF-Porträt über meine Arbeit mit WIDI und mich. Das war der Moment, an dem der Groschen fiel. Meine Mutter sagte: „Ihr macht doch fast dasselbe wie wir bei unserem PC-Kurs: ihr trefft euch, alle haben ihren Laptop oder ihr Handy dabei und ihr sprecht über alles was euch bewegt!“ Manchmal muss man Dinge auch einfach stehen lassen. [lacht]

Wer waren deine Mentoren?
In der Politik war es Silvana Koch-Mehrin, die mich sicher am meisten geprägt hat. Sie ist und bleibt für mich die Person, die mir die Politik nahbar und greifbar gemacht hat. In den folgenden beruflichen Stationen hatte ich das Glück immer Chefinnen und Chefs zu haben, die mich haben sein lassen wie ich bin und mich zugleich gefordert haben. Für mich ist das einer der entscheidenden Faktoren eines Mentors: zu fördern und zu fordern. Heute habe ich immer noch Mentoren und Vorbilder, meistens sind das Menschen, die alle Talente mitbringen, die ich nicht habe.

Wie hast du dich mit 20 vorgestellt und wie tust du das heute?
Mit 20 habe ich mich als Studentin und politisch Engagierte vorgestellt. Heute sage ich meistens: ich bin Gründerin einer PR- und Digitalberatung und eines Vereins für Frauen aus der Digitalbranche – ich schreibe, spreche und moderiere – suchen Sie sich etwas aus!

Social Media ist ein Instrument, um sich sichtbar zu machen. Gibt es auch junge Gründer, die noch vor Digitalem Angst haben?
Es gibt sehr viele, die eine Social Media Aversion haben. Manchmal hat es grundsätzliche fast politische Gründe, weil das Thema Datenschutz in Deutschland ein hoch sensibles Thema ist. Manchmal ist es auch einfach die Angst etwas Falsches zu tun, angreifbar zu sein, nicht gut reagieren zu können, wenn Kritik kommt. Ich finde Social Media demokratisiert unsere Gesellschaft: jeder hat Zugang – wenn wir davon ausgehen, dass das WLan in der Bahn funktioniert. Es gibt dir heute die Möglichkeit, das wofür du stehst und was dich beschäftigt mit vielen Menschen zu teilen.

Kritik von Freunden und Familie nehme ich mir grundsätzlich sehr zu Herzen. Zum Beispiel, dass ich mir zu wenig Zeit für sie nehme. Darauf kann ich nur sagen: stimmt.

Wie nimmt man diese Angst?
Ich bin starke Verfechterin des Unperfekten. Niemand ist vollkommen und wenn Du das akzeptierst, siehst Du alles entspannter. Gerade bei Social Media gibt es doch fast niemanden mehr, der noch keinen Shitstorm gehabt hat, zumindest einen kleinen. Daher braucht es Vorbilder und Mentoren, die über Fehltritte, Herausforderungen und ausweglose Situationen sprechen.

Was ist die richtige Reaktion auf einen Shitstorm?
Humor kann ein Mittel sein. Es kommt stark auf die Ausgangssituation an – wenn es diese aber zulässt, kann Selbstironie helfen. Sich selbst nicht zu ernst nehmen, ist sowieso eine gute Grundlage, um im Digitalen überlebensfähig zu sein. Ansonsten bin ich immer für Klarstellen statt Löschen.

Gibt es Unterschiede zwischen digitalem Vernetzen und analogem Netzwerken?
Das digitale Netzwerken ist oft der Grundstein für das Analoge. Ich habe digital schon viele spannende Menschen kennengelernt, mit denen ich mich schnell auch ganz analog getroffen habe. Digital lässt sich schnell und unkompliziert herausfinden, wen welches Thema beschäftigt und ob es Gemeinsamkeiten gibt. Für mich persönlich bleibt das Analoge dabei immer zentral.

Was war dein größter Erfolg bisher?
Erfolg ist für mich eng verknüpft mit Leidenschaft und Freiheit. Und meine größte Leidenschaft ist es, Menschen zusammenzubringen. Dass ich das mit meinem Verein Women in Digital e.V. in der Form und nach einem Jahr mit eigenem Büro inklusive Mitarbeiterinnen realisieren kann, macht mich dankbar. Dass ich durch meine Selbstständigkeit zu dem noch die Freiheit habe, etwas eigenes aufzubauen, rundet alles ab.

Wie wichtig ist es, dass sich auch die Politik mit einer digitalen Agenda auseinandersetzt?
Sehr wichtig. Neben digitalen Agenden für das große Ganze braucht es aber vor allem auch eine neue Kultur in den politischen Institutionen. Weg von „das haben wir immer so gemacht“ hinzu Neuem eine Chance geben. Wir reden viel über digitale Bildung an Schulen und vergessen dabei, dass es eine Generation gibt, die keine „digital Natives“ sind. Diese mitzunehmen ist unser alle Aufgabe, denn sie sind es, die in den Institutionen die Geschicke unseres Landes mitprägen.

Was hast du in der Politik gelernt, was dir beim Netzwerken heute noch hilft?
Aus wenig viel zu machen und in Koalitionen zu denken. Gemeinsam erreicht man mehr als alleine. In der Politik lernt man schnell mit wem man wie zusammenarbeiten muss, um Interessen durchsetzen zu können. Das Taktische ist mir persönlich dabei oft zu gewollt gewesen – spannender finde ich, wenn aus etwas Unerwartetem plötzlich ein interessantes Projekt oder eine Kooperation entsteht.

Wie sieht dein Big Picture aus, wovon träumst du?
Dass Frauen in Führungspositionen, ob als Gründerin eines Startups, oder im Mittelstand/Konzern zu so einem Selbstverständnis werden, dass wir es als nichts Besonderes mehr, sondern als gegeben sehen. Vor allem wünsche ich mir, dass jedes junge Mädchen weiß: Wenn ich will, kann ich alles erreichen.

Findest du, dass die Digitalisierung zu mehr Sichtbarkeit von Diversity beiträgt?
Die Digitalisierung kann ein starker Diversity Motor sein! Das Spannende ist: dass viele Unternehmen derzeit alte Hierarchien und Strukturen in Frage stellen und neu definieren. Es entstehen neue Berufsbilder und abteilungsübergreifende Collaborationen. Teams werden dadurch diverser zusammengesetzt und es sind mehr und mehr Generalisten gefragt. Wenn Unternehmen ihre Mitarbeiter noch mehr zu Botschaftern machen, schaffen wir Diversity auf allen Ebenen!

Gibt es Unterschiede im Netzwerken zwischen Mann und Frau?
Ich würde die Unterschiede nicht rein auf die Geschlechterthematik beziehen. Es kommt meiner Ansicht nach eher auf die Sozialisation an. Ich persönlich hatte beispielsweise mit meiner Mutter als Netzwerkkönigin immer ein Vorbild, das mich zu all ihren Terminen und Veranstaltungen mitgenommen hat. Das prägt und vermittelt einen entspannten Umgang auf neue Menschen zuzugehen. Wichtig beim Netzwerken finde ich: keine zu Scheu haben, verbindlich zu sein und die Leichtigkeit nicht aus den Augen zu verlieren!

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