Wie ich 20 Bitcoins à drei Euro kaufte


Der Bundesbank-Präsident warnt heute vor Spekulationen mit Bitcoin. „Es gibt viele Arten, wie man sein Geld verlieren kann“, sagt Jens Weidmann. Immerhin: Ein Risiko für das gesamte Finanzsystem gehe von der virtuellen Währung noch nicht aus, nachdem der Bitcoin-Kurs zuletzt auf mehr als 20.000 Dollar in die Höhe geschossen war.

Immer, wenn ich Meldungen über neue Rekorde der Kryptowährung lese, geht es mir anders als dem Bundesbank-Präsidenten. Ich werde etwas wehmütig. Denn ich denke dann an das schicke Einfamilienhaus am Stadtrand, in dem ich nun wohnen, oder an den Bentley, den ich nun fahren könnte. Der Grund: Ich war beim Bitcoin-Hype außergewöhnlich früh dabei.

Im Februar 2012 habe ich 20 Bitcoins für umgerechnet 60 Euro gekauft. Beim aktuellen Bitcoin-Kurs entspricht das einem Gegenwert von rund neun Kilogramm purem Gold oder mehr als 300.000 Euro. Doch meine Wasserhähne sind weiterhin aus Edelstahl.

Denn mir geht es wie vielen Menschen, die schon früh in Bitcoin investiert haben. Und die auch früh wieder ausgestiegen sind, nur um sich heute zu sagen: Hätte ich das mal früher gewusst.

So feiert die Bitcoin-Community etwa jedes Jahr am 22. Mai den „Bitcoin Pizza Day“. An diesem Tag im Jahr 2010 bezahlte der Programmierer Laszlo Hanyecz ganze 10.000 Bitcoins für die Lieferung von zwei Pizzen. Die Transaktion gilt als erste, in der jemand eine echte Ware mit Bitcoins bezahlt hat. Die Sensation ist aber: Heute, siebeneinhalb Jahre später, wären Hanyecsz Bitcoins mehr als 188 Millionen US-Dollar wert.


Seit 2015 errechnet ein Twitter-Bot den Wert der beiden Pizzen tagesaktuell neu: ein vielsagender Index, der eine ziemlich passende Vorstellung von der rasanten Wertentwicklung des Bitcoin gibt. Denn zwischen der Erfindung 2010 und dem ersten größeren Boom ab 2013, bevor ich eingestiegen bin, bewegte sich der Kurs zumeist irgendwo im einstelligen Dollarbereich. Für größere Ausschläge sorgten vereinzelt bloß ein paar erste Medienberichte, die sich mit der neuen Währung beschäftigten.

Ich selbst bin wegen einer Recherche für die „Süddeutsche Zeitung“ über den inzwischen geschlossenen Online-Schwarzmarkt Silk Road darauf gestoßen. Dort war der Bitcoin das einzige zugelassene Zahlungsmittel – weil sich die Digitalwährung kostenlos, unkompliziert und vor allem anonym über Ländergrenzen transferieren lässt. Daher lastete dem Bitcoin ein anrüchiges Image an: Kein Unternehmen wollte sich anfangs mit dem vermeintlichen Verbrecher-Geld bezahlen lassen.


Wurden die Wechselkurse zu Beginn noch in Internetforen per digitalem Handschlag besiegelt, gab es bei meinem Einstieg Anfang 2012 schon erste größere Handelsportale, auch in Deutschland. Der Kauf kostete mich drei Tage von der Überweisung von meinem Girokonto bis zur Freigabe durch den Verkäufer aus der Slowakei – SEPA-Überweisungen gab es da noch nicht. Weil der Bitcoin in der realen Wirtschaft zu diesem Zeitpunkt noch wertlos war, hatte ich die digitalen Münzen, wie vermutlich die meisten, eher aus Interesse an der Technologie gekauft.

Zwei große Pizzen für 0,001416 Bitcoin

Heute hingegen geht der Bitcoin tatsächlich als Zahlungsmittel durch. Ich könnte sogar mein Essen online mit Bitcoin bezahlen: Bei Lieferando etwa kosten zwei große Quattro Stagioni insgesamt 0,001416 BTC, inklusive Lieferung. Hätte Laszlo Hanyecz das früher gewusst, hätte er wohl keine 10.000 Bitcoins bezahlt.

Inzwischen haben den Bitcoin neben Hackern, Spekulanten und Unternehmern auch findige Chinesen entdeckt, die die Währung teilweise nutzen, um die Kapitalverkehrskontrollen ihrer Regierung zu umgehen – zum Leidwesen der Zentralbank in Peking, die den Handel seit vergangenem Oktober verbietet. Doch Anonymität und die zunehmende Verbreitung dürften nur zwei Gründe unter vielen für den jüngsten Gipfelsprint der Digitalwährung sein.

Faktor 6250

Der Bullenmarkt Bitcoin ist im Jahr 2017 zur selbsterfüllenden Prophezeiung geworden: Nachdem sich der Wert zwischen Januar und Dezember im Jahr 2016 „bloß“ verdoppelte, betrug er 2017 zwischenzeitlich das Zwanzigfache vom Jahresanfang. Hätte ich meine 20 Bitcoins für 60 Euro behalten, hätte ich mein Geld auf dem Höchststand ebenfalls vervielfacht – und zwar um den atemberaubenden Faktor 6250.


Doch bis dahin hätte ich viel Durchhaltevermögen benötigt – um nicht schon beispielsweise Ende 2013 zu verkaufen, als der Bitcoin mit rund 875 Euro seinen vorläufigen Höchststand erreichte. Nach einer langen Talfahrt mit einer längeren Sohle bei rund 200 Euro erreichte die Währung diesen Wert erst wieder Anfang 2017.

Erst da, also rund fünf Jahre nach meinem Investment aus Neugier, begann der wirkliche Höhenflug – von rund 1000 US-Dollar im Januar auf mehr als 20.000 Dollar vor wenigen Tagen. Ich hätte es eben nur früher wissen müssen.

Der verstorbene Börsenguru André Kostolany soll einmal gesagt haben: „Wer viel Geld hat, kann spekulieren, wer wenig Geld hat, darf nicht spekulieren, wer kein Geld hat, muss spekulieren.“ Und so rechtfertige ich mich heute vor mir selbst damit, dass ich 2012 als Student wenig Geld hatte – und somit nicht spekulieren durfte.


Nach nur zehn Monaten habe ich meine 20 Bitcoins im Dezember 2012, zugegebenermaßen etwas leichtfertig, wieder verkauft. Die Erlöse in Höhe von rund 200 Euro habe ich daraufhin in Geschenke investiert, das kleine Weihnachtsgeld kam mir also sehr gelegen.

Und so feiere ich nun jedes Jahr Anfang Dezember meinen persönlichen „Bitcoin Pizza Day“. Im Rückblick mag ich zwar die Chance auf eine Viertelmillion Euro verpasst haben. Doch am Ende lag meine Rendite bei durchaus ansehnlichen 500 Prozent – und meine Weihnachtsgeschenke kaufe ich seither immer pünktlich.

Hier geht es zur Seite mit dem Bitcoin-Kurs, hier können Sie aktuelle Wechselkurse berechnen.

KONTEXT

Die wichtigsten Fragen zu Bitcoins

Was sind Bitcoins?

Bitcoins (BTC) sind verschlüsselte Datenpakete aus Zahlen und Buchstaben.

Wer hat Bitcoins erfunden?

Als Erfinder gibt sich jemand aus, der auf einer Kryptografie-Mailingliste unter dem Namen Satoshi Nakamoto auftrat - vermutlich ein Pseudonym, möglicherweise steckt sogar eine Gruppe dahinter. Er umriss das Konzept 2008 in einem Grundsatzpapier und brachte 2009 eine Software zum Bitcoin-Austausch heraus. Mittlerweile kümmert sich eine kleine Community von Entwicklern darum - der Quellcode liegt offen.

Wozu sind Bitcoins gut?

Für die einen sollen Bitcoins ein anonymes Zahlungsmittel im Internet sein, das Systeme wie Paypal unnötig macht. Andere sehen Bitcoins als alternatives Wertaufbewahrungsmittel. Wieder andere glauben an eine mit dem Goldstandard vergleichbare Sicherheitsfunktion.

Als weltweit erste nennenswerte Transaktion gilt der Kauf zweier Pizzen für 10.000 BTC. Auch für illegale Zahlungen kommt die Währung zum Einsatz, etwa auf der inzwischen geschlossenen Online-Plattform Silk Road.

In Deutschland sind Bitcoins noch nicht sehr verbreitet. In Onlineshops wie Schuhwelt.com sowie in mehreren Berliner Kneipen kann man mit Bitcoins zahlen - allerdings tun Kunden das bislang nur in Einzelfällen.

Wie entstehen neue Bitcoins?

Neue Bitcoins müssen berechnet werden. Anfangs konnte jeder PC Bitcoins "schürfen". Inzwischen sind die Rechnungen so komplex geworden, dass sie nur noch Hochleistungscomputer bewältigen. Professionelle Bitcoin-Schürfer koppeln ihre Computer zusammen.

Wie viele Bitcoins gibt es?

Die Anzahl der Bitcoins ist mathematisch auf maximal 21 Millionen begrenzt. Je größer die umlaufende Menge ist, desto aufwendiger wird es, neue Einheiten zu berechnen. Professor Rainer Böhme von der Uni Münster geht davon aus, dass der letzte Bitcoin im Jahr 2140 erzeugt wird. Handelsplattformen beziffern die aktuelle Zahl an Bitcoins Mitte November 2017 bei 16,7 Millionen Münzen.

Wo werden Bitcoins gehandelt?

Im Internet gibt es etwa 60 Umschlagplätze für Bitcoins. Die mit Abstand größte Börse war lange Zeit Mt. Gox mit Sitz in Tokio. Doch die Japaner meldeten Insolvenz an. Weitere Tauschbörsen sind Coinbase, Kraken, BitStamp, Circle und BTC China. Die nach eigenen Angaben größte Bitcoin-Börse in Deutschland, Bitcoin.de, hat ihren Sitz in Herford bei Bielefeld.

Wie hat sich der Kurs entwickelt?

Seit dem Start 2009 haben Bitcoins stark zugelegt. Nach der Pleite der Handelsplattform Mt. Gox rutschte der Kurs Anfang 2014 in die Hunderter, es wurde still um die Kryptowährung. Doch 2017 explodierte der Kurs: Von 1000 Dollar im Januar ging es bis Mitte November rauf auf mehr als 8000 Dollar.

Ist der Handel mit Bitcoins legal?

In Deutschland können Nutzer laut Bafin ohne Erlaubnis mit der Cyber-Währung bezahlen. Auch das so genannte "Mining" - die Schöpfung von Bitcoins - ist erlaubt. Allerdings können beim Rücktausch in Euro Steuern fällig werden.

von Andreas Dörnfelder