Syrien: Dramatische humanitäre Lage in Afrin und Ost-Ghuta

Ganze Straßenzüge liegen in Trümmern nach den Luftangriffen auf die Rebellenhochburg vor den Toren der Hauptstadt Damaskus. Foto: Muhmmad Al-Najjar

Gleich in zwei Gebieten des Bürgerkriegslandes Syrien ist die Gewalt in den vergangenen Wochen eskaliert. Wieder sind Zehntausende auf der Flucht. Helfer können die notleidenden Menschen kaum versorgen.

Nach dem Einmarsch türkischer Truppen und ihrer Verbündeten in das Kurdengebiet Afrin im Nordwesten Syriens berichten Helfer von einer dramatischen humanitären Lage. Besonders stark betroffen sind Kinder, Frauen und Ältere.

Tausende seien in den vergangenen Tagen «verzweifelt und in Panik» aus Afrin geflohen, twitterte der Regionaldirektor des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), Robert Mardini, am Dienstag. Sie hätten keine Unterkunft sowie kaum Nahrung, Wasser und medizinische Versorgung.

Die UN meldeten, rund 100.000 Menschen seien in der Region bereits seit längerem auf der Flucht. Bis zu 50.000 weitere seien in den vergangenen Tagen hinzugekommen.

Luftangriff auf Schule in Ost-Ghuta

Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR war zugleich alarmiert über die sich verschärfende humanitäre Krise im belagerten Rebellengebiet Ost-Ghuta nahe der Hauptstadt Damaskus. Dort kamen am Montagabend bei einem Luftangriff auf eine Schule 16 Kinder und vier Frauen ums Leben, wie die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte meldete. Wie auch Hilfsorganisationen macht sie die russische Luftwaffe für die Bombardierung der von Rebellen kontrollierten Stadt Irbin verantwortlich. Russland ist im syrischen Bürgerkrieg ein wichtiger Verbündeter der Regierung von Machthaber Baschar al-Assad.

Die türkischen Streitkräfte und syrische Verbündete hatten die vor allem von Kurden bewohnte Region Afrin und die gleichnamige Stadt im Nordwesten Syriens am Sonntag nach zweimonatigen Kämpfen erobert. Die türkische Regierung stuft die Kurdenmiliz YPG wegen ihrer Verbindungen zur PKK als Terrororganisation ein und bekämpft sie.

Plünderungen und Übergriffe auf Zivilisten in Afrin

Bei den meisten Vertriebenen aus Afrin handele es sich um Frauen, Kinder und Ältere, teilte das UN-Nothilfsbüro Ocha mit. Es gebe besorgniserregende Berichte über Gewaltandrohung, willkürliche Festnahmen von Zivilisten sowie Plünderungen. Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR erklärte, Menschen hätten berichtet, sie seien auf der Flucht über viele Stunden durch die Berge gelaufen. Schulen und Moscheen seien völlig mit Vertriebenen überfüllt.

Video: Chaos und Plünderungen in Afrin

Die Menschenrechtsbeobachter und Kurden hatten am Montag über Plünderungen protürkischer Rebellen in Afrin berichtet. Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu schloss eine Beteiligung von Soldaten seines Landes aus. Auch der verbündeten Freien Syrischen Armee (FSA) traue er ein solches Verhalten nicht zu. «Wenn es von dort eine Beschwerde oder Forderung kommen sollte, werden wir das penibel untersuchen, da sind wir empfindlich», sagte er.

100.000 Menschen benötigen Hilfe

Nach Angaben des UN-Kinderhilfswerks Unicef brauchen 100.000 Menschen aus Afrin dringend Hilfe, die Hälfte davon Kinder. Das IKRK meldete am Dienstag, ein Hilfskonvoi habe den von Kurden kontrollierten Ort Tal Rifat erreicht. Dort haben nach UN-Angaben mindestens 75.000 Vertriebene aus Afrin Zuflucht gefunden.

Unions-Fraktionschef Volker Kauder zeigte sich «entsetzt» über die Berichte aus Afrin. «Menschenrechtsverletzungen sind nicht hinnehmbar», sagte der CDU-Politiker in Berlin. «In dieser Situation müssen wir schon mit der Türkei reden», sagte er.

Die Türkei wies Kritik des IKRK scharf zurück. Äußerungen des IKRK-Präsidenten Peter Maurer seien «fern von der Wahrheit und inakzeptabel», teilte das Außenministerium mit. Maurer hatte mehr Zugang für internationale unabhängige Organisationen gefordert. In diesem Zusammenhang kritisierte er den türkischen Roten Halbmond und sagte, die Glaubwürdigkeit der Aussage, dass dieser mit der kurdischen Bevölkerung in Afrin zusammenarbeite, sei «nahezu null».

Überfüllte Auffanglager bei Ost-Ghuta

Auch aus Ost-Ghuta bei Damaskus flohen dem UNHCR zufolge in den vergangenen Tagen 45.000 Menschen. «In den Auffanglagern kommen Tausende Familien völlig erschöpft, hungrig, durstig und krank und praktisch ohne Hab und Gut an», sagte UNHCR-Sprecher Andrej Mahecic. «Jeden Tag werden es mehr.» Die Auffanglager seien völlig überfüllt, vor den Toiletten seien stundenlange Wartezeiten nötig.

Das von Regierungstruppen belagerte Gebiet Ost-Ghuta erlebt seit rund einem Monat die schwerste Angriffswelle seit Beginn des syrischen Bürgerkriegs vor rund sieben Jahren. Dabei wurden nach Angaben der Menschenrechtsbeobachter fast 1500 Zivilisten getötet. Mittlerweile haben Regierungstruppen den größten Teil Ost-Ghutas eingenommen.

Zwei deutsche Hilfsorganisationen warfen der russischen Luftwaffe vor, bei der Bombardierung der Schule in Irbin eine panzerbrechende Rakete eingesetzt zu haben. Diese habe drei Stockwerke durchschlagen, bevor sie im Keller explodiert sei, teilten Medico International und Adopt a Revolution mit. Die beiden Organisationen unterstützen die Schule seit fünf Jahren. Zum Zeitpunkt des Angriffs hätten dort rund 400 Menschen vor Bombardierungen Schutz gesucht, hieß es weiter. Der Einsatz bunkerbrechender Waffen sei ein «terroristischer Akt».