100 Jahre Oktoberrevolution: "Pensum an Revolutionen mehr als erfüllt"

Edward Radsinski ist russischer Autor und Historiker – er hat mehr als vierzig populäre Sachbücher zu historischen Themen geschrieben. Seit den 1990er Jahren sitzt er an der Serie “Mysteries of History”. Ins Englische übersetzt wurden unter anderem Biografien von Zar Nikolaus II, Alexander II., Rasputin und Josef Stalin. Sein Buch über Stalin ist die erste ausführliche Biographie auf der Grundlage von explosiven neuen Dokumenten aus Russlands Geheimarchiven – da geht es um bekannte Kontroversen über Josef Stalin, einschließlich der Existenz eines umfassenderen Textes von Lenins Testament, die angebliche Rolle Stalins als Agent der zaristischen Geheimpolizei, um seine Rolle beim Tod seiner Frau und der Ermordung des Staats- und Parteifunktionärs und Gefolgsmannes Sergej Kirow.

Galina Polonskaya, euronews:

“Wie können Sie Lenins Erfolg erklären, der viel Zeit im Exil verbrachte, ohne Verbindung zu Russland, damals gab es kein Internet. Wie hat er das geschafft?”

Edward Radsinski, Historiker:

“Er war ein Mann mit einer Mischung aus Willen, Fanatismus und Idee. Er glaubte, dass der Sozialismus gleich nach der Revolution allgegenwärtig sein wird. Der Nachteil der Revolution – es ist eine Idee ohne Bajonett. Da kommt also dieser Fanatiker mit einer Idee an, Lenin, der an den Sieg der sozialistischen Revolution glaubt. Und er bekommt, worüber Engels geschrieben hat! Er, der vom nächsten Tag an die Bürokratie hasste, kapiert, dass er von einer neuen Parteibürokratie umgeben ist. Er hatte bis dato noch nicht mal einen Gutshof verwaltet – und plötzlich bricht ein ganzes Land über ihn herein. Und dann dieses verächtliche und wütende Geschrei die ganze Zeit: Abschießen ! Abschießen! Ihm fällt nichts Anderes ein, deshalb schreit er. Und sein Ende ist erschreckend, seine Ideen sind zusammengebrochen. Alle diese großen Revolutionäre, die die Machtübernahme im Smolny-Institut in Sankt Petersburg feiern, wo die Oktoberrevolution geplant wurde, werden sich diesem Hauptgesetz der Revolution stellen müssen.“

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RASPUTÍN, LOS ARCHIVOS SECRETOS – EDVARD RADZINSKYhttps://t.co/IJFJy0ZzFX pic.twitter.com/DNkCNS7PWh— YELIBROS (@yelibros) 12 septembre 2017

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O último Czar. Edvard Radzinsky pic.twitter.com/nTuKdJkDk6— Tatiana Évora (@tatiana_ruffo) 29 juillet 2016

“HAUPTGESETZ DER REVOLUTION”

“Eines war schon dem französischen Revolutionär Pierre Vergniaud klar: Schon er sagte auf dem Schafott, dass Revolutionen wie der antike Gott Saturn ihre eigenen Kinder verschlingen. Und dann sagte er noch: “Aufgepasst, Götter sind durstig”. Und Wladimir Lenin dachte aus irgendeinem Grund, dass das für ihn nicht gilt. Aber in den folgenden 20 Jahren sollte es alle erwischen – außer ihm, der eines natürlichen Todes starb, alle anderen, Grigori Jewsejewitsch Sinowjew, Lew Borissowitsch Kamenew und dann Nikolai Iwanowitsch Bucharin, all die Männer Lenins. Es gab Gerichtsverhandlungen, ja. Aber um klar zu machen, was das Gesetz der Revolution ist, hat die Geschichte ihre eigene Ironie. Alle werden in einer sogenannten Oktoberhalle verurteilt. Und es war am 20. Jahrestag der Revolution.”

Galina Polonskaya, euronews:

“Die meisten Russen sehen Umfragen zufolge jede Art von Revolution sehr negativ. Haben sie aus der Geschichte gelernt ?“

Edward Radsinski, Historiker:

“Das ist ein einzigartiger Fall, dass sich während einer Lebenszeit, in 70 Jahren, das System dreimal völlig änderte. Erst der Zar, dann die Bolschewiken und schließlich die Gesellschaft von heute. Und das waren ja nicht nur einfache Veränderungen. Jede frühere Form wurde zumindest zu Beginn zum Irrtum erklärt. Natürlich macht einen dieser Albtraum müde. Und der menschliche Charakter ändert sich ja auch. Nikolay Karamzin (1766–1826) schrieb über Iwan den Schrecklichen, dass der nicht verstehen konnte, warum ihn keiner vom Thron stieß. Und heute steht Iwan der Schreckliche als Denkmal da. Weil er einfach ein sehr erfolgreicher Manager war. Wir haben heutzutage viele erfolgreiche Manager. Aber das ist nichts Neues. Und ich sage nochmal, unser Volk ist der Auffassung, dass sein Pensum an Revolutionen mehr als erfüllt ist.”

su