Überzeichnet und doch gnadenlos realistisch: Bei "Don't Look Up" bleibt uns das Lachen im Halse stecken

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Meryl Streep genießt ihre Rolle als US-Präsidentin - das reale Vorbild ist unschwer zu erkennen. (Bild: © Niko Tavernise / Netflix © 2021)
Meryl Streep genießt ihre Rolle als US-Präsidentin - das reale Vorbild ist unschwer zu erkennen. (Bild: © Niko Tavernise / Netflix © 2021)

Ein Komet, der die Erde zerstören wird? Man könnte etwas dagegen tun, aber im Netflix-Film "Don't Look Up" will die Menschheit partout nicht gerettet werden. Obwohl sich halb Hollywood mächtig ins Zeug legt.

Vom Himmel her rast das Unheil auf die Erde zu, und was machen die Menschen? Sie verschließen die Augen und schauen einfach nicht hin. Da können sich Jennifer Lawrence und Leonardo DiCaprio als Wissenschaftler den Mund noch so fusselig reden und vor der sicheren Auslöschung des Planeten durch einen Kometen warnen. "Don't Look Up" heißt der neue Film von Adam McKay, den Netflix nach einer kurzen Kinoauswertung nun in seinem Streamingangebot zeigt.

McKay hatte zuletzt die Finanzkrise von 2009 ("The Big Short") und die US-Politikgeschichte der letzten 50 Jahre ("Vice - Der zweite Mann") mit komödiantischer Leichtigkeit wunderbar erklärt. Diesmal arbeitet sich der Regisseur und Drehbuchautor in einer beißenden Satire an institutioneller Dummheit, Wissenschaftsverleugnung und Profitgier ab - und dabei bleibt ihm das Lachen im Hals stecken.

Sie wissen, dass in sechs Monaten und 14 Tagen alles leben auf der Erde vernichtet wird: Aber auf Professor Mindy (Leonarda DiCaprio) und Kate Dibiasky (Jennifer Lawrence) will einfach niemand hören. (Bild: Netflix)
Sie wissen, dass in sechs Monaten und 14 Tagen alles leben auf der Erde vernichtet wird: Aber auf Professor Mindy (Leonarda DiCaprio) und Kate Dibiasky (Jennifer Lawrence) will einfach niemand hören. (Bild: Netflix)

Es kommt immer noch schlimmer

Das kann man ihm nicht einmal verdenken: Die Story über zwei Astrophysiker, die mit ihren Berechnungen und Warnungen vor allem auf Ignoranz und Desinteresse stoßen, ist keine besonders subtile Metapher auf den Umgang von Politik, Medien und sozialen Netzwerken mit Klimakrise und Corona-Pandemie. Den Felsbrocken aus dem All jedenfalls braucht "Don't Look Up" gar nicht, um ein Katastrophenfilm zu sein.

Die Wissenschaftler Kate Dibiasky (Lawrence) und Dr. Randall Mindy (DiCaprio) feiern nach der Entdeckung des neuen Kometen nur kurz. Dann rechnen sie. Und rechnen. Und rechnen noch einmal. Am Ende steht die Null, und das bedeutet nichts Gutes. Der "Planetenkiller" nimmt Kurs auf den Pazifik, und weil er so groß wie der Mount Everest ist, wird auf den Einschlag in sechs Monaten die totale Zerstörung der Erde folgen. Hört sich schlimm an? Ist es auch. Aber es kommt schlimmer. Und zwar immer wieder.

Eigentlich ist die Menschheit technologisch so weit fortgeschritten, dass sie mit einer Armada von Raketen den Kurs des Kometen ändern kann. Aber, und jetzt kommt das Hamsterrad-Gefühl (siehe: Klimakrise, siehe Corona-Pandemie), sie tut es nicht.

In einer beliebten TV-Show machen sich die Moderatoren Brie Evertree (Cate Blanchett) und Jack Bremmer (Tyler Perry) über die Warnungen der Wissenschaft lustig. (Bild: )
In einer beliebten TV-Show machen sich die Moderatoren Brie Evertree (Cate Blanchett) und Jack Bremmer (Tyler Perry) über die Warnungen der Wissenschaft lustig. (Bild: )

Wenn die Welt den Verstand verliert ...

Zunächst einmal hat die Politik "keinen Bock" auf schlechte Nachrichten aus der Wissenschaft: Diesbezüglich sind die US-Präsidentin (Meryl Streep) und ihr allglatter Berater-Sohn (Jonah Hill) ganz offen, während sie auf der Couch im Oval Office lümmeln. TV- und Soziale Medien treiben die Wissenschaftler vor sich her. Fakten spielen keine Rolle mehr, wichtiger ist die Frage, ob man an den Kometen glaubt.

Nicht zuletzt ist sich jeder selbst der nächste: der General etwa, der den Astronomen Gratis-Snacks im Weißen Haus für 20 US-Dollar verkauft. Am nächsten ist sich aber ein Tech-Milliardär, der den Kometen kontrolliert abstürzen lassen will, um seltene Rohstoffe zu fördern.

Auch wenn die Inszenierung wie von Adam McKay gewohnt tempo- und einfallsreich ist, sich halb Hollywood die Ehre gibt und Meryl Streep mit sichtlichem Vergnügen auf Vernunftstauchstation geht: Witzig ist das alles nicht. Aber was soll man anderes erwarten, wenn die Welt den Verstand verliert und sich einen Sch...ß um die Zukunft kümmert?

Ein Komet, der die Erde zerstört? Kurz vor der Wahl ist das ganz schlechtes Timing, finden US-Präsidentin Janie Orlean (Meryl Streep, vorne) und ihr gut gekleideter Berater-Sohn Jason (Jonah Hill, vorne) und ignorieren die Warnungen von Dr. Randall Mindy (Leonardo DiCaprio) und Kate Dibiasky (Jennifer Lawrence). (Bild: Niko Tavernise / Netflix)
Ein Komet, der die Erde zerstört? Kurz vor der Wahl ist das ganz schlechtes Timing, finden US-Präsidentin Janie Orlean (Meryl Streep, vorne) und ihr gut gekleideter Berater-Sohn Jason (Jonah Hill, vorne) und ignorieren die Warnungen von Dr. Randall Mindy (Leonardo DiCaprio) und Kate Dibiasky (Jennifer Lawrence). (Bild: Niko Tavernise / Netflix)
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