Überstunden im Corona-Jahr 2020: Beschäftigte machten durchschnittlich drei Überstunden pro Woche — trotz der hohen Zahl an Kurzarbeitern

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Ob ein unfertiges Projekt, ein anstehender Kundentermin oder unbeantwortete Mails: Es gibt viele Gründe, warum wir Überstunden machen. Obwohl wir unser Soll von acht Stunden bereits erledigt haben, bleiben wir oft am Schreibtisch sitzen – schließlich verlässt sich unsere Chefin oder unser Chef auf uns. Manchmal ist der Tag auch so vollgepackt, dass wir auch unsere Mittagspause sausen lassen. Statt draußen an der frischen Luft mit unseren Kolleginnen und Kollegen zu essen, schieben wir uns, die Augen am Bildschirm, kurz etwas aus der Mikrowelle rein.

Dass ständig und überall Überstunden in Unternehmen geleistet werden, daran hat offenbar auch die Corona-Pandemie und die damit verbundene Kurzarbeit wenig geändert. Das zeigt eine Analyse des Jobportals Gehalt.de, die auf knapp 350.000 Datensätzen basiert. Etwa die Hälfte aller Beschäftigten leistete demnach auch im Jahr 2020 regelmäßig Überstunden. Durchschnittlich drei Stunden Mehrarbeit fielen pro Woche für Betroffene an. Einen Lohnausgleich bekamen Arbeitnehmer allerdings nur in einem Drittel der Fälle. Schätzungen zufolge sparen sich Unternehmen durch unbezahlte Überstunden Kosten in zweistelliger Milliardenhöhe.

Pflicht zur Arbeitszeiterfassung

Ein Urteil des Europäischen Gerichtshof sollte dem eigentlich ein Ende bereiten. Im Mai 2019 hatte dieser entschieden, dass Unternehmen künftig die gesamte Arbeitszeit ihrer Mitarbeiter erfassen und dafür verlässliche Systeme einrichten müssen. Ob dieses Gesetz in Deutschland allerdings schon gilt, ist unter Juristen noch nicht final geklärt. Die Mehrheit der Rechtsexperten sehen erst den deutschen Gesetzgeber am Zug, das Arbeitsrecht entsprechend anzupassen. Bis dahin gebe es noch keine Pflicht zur Stechuhr, so die allgemeine Auffassung.

Ein Arbeitsgericht in Emden sah das jedoch anders. Im September vergangenen Jahres sprach es einer ehemaligen Mitarbeiterin eines Speditionsunternehmens eine Summe von rund 20.000 Euro zu. Die Frau hatte gegen ihren ehemaligen Arbeitgeber geklagt, weil dieser 1000 von ihr geleistete Überstunden nicht bezahlt haben soll. Die Speditionsfirma setzte dagegen, es sei der Mitarbeiterin selbst überlassen gewesen, ihre Mehrarbeit durch Freizeit auszugleichen. Trotzdem urteilte das Emdener Arbeitsgericht zugunsten der ehemaligen Angestellten – mit der Begründung, das Unternehmen hätte die Arbeitszeit sauber dokumentieren müssen.

Maximal acht Überstunden darf der Arbeitgeber pro Woche verlangen

Klauseln wie, "mit dem Festgehalt sind alle Überstunden" abgegolten, sind allerdings schon zum jetzigen Zeitpunkt ungültig, auch wenn sie immer noch regelmäßig in Arbeitsverträge zu finden sind. „Wer solche Klauseln schmiedet, der muss darauf achten, dass sie transparent sind“, sagt Arbeitsrechtsanwalt Inno Merkel von der Berliner Kanzlei Croset. Das heißt, es muss im Arbeitsvertrag genau festgelegt sein, wie viel unbezahlte Überstunden pro Woche zu leisten sind.

Dabei gibt es gewisse Grenzen. So darf niemand unter den gesetzlichen Mindestlohn rutschen. Außerdem haben sich Unternehmen an das Arbeitszeitgesetz zu halten. Dieses begrenzt die wöchentliche Arbeitszeit in der Regel auf maximal 48 Stunden. Insgesamt kann euer Chef von euch verlangen, zehn Stunden am Tag zu arbeiten. In Ausnahmefällen dürft ihr auch 60 Stunden (der Samstag wird als Werktag gezählt) die Woche arbeiten – allerdings nicht unbegrenzt.

Euer Arbeitgeber muss sicherstellen, dass eure Arbeit in 24 Monaten durchschnittlich nicht mehr als acht Stunden übersteigt. Das heißt, wenn ihr 60 Stunden in der Woche im Büro sitzt, muss der Arbeitgeber die Mehrarbeit von zwölf Stunden binnen eines halben Jahres ausgleichen. Steht nichts zu Überstunden in eurem Arbeitsvertrag drin, muss euer Chef in der Regel euch die geleistete Mehrarbeit bezahlen.

Vorsicht bei Überstunden und Kurzarbeit

Was sich allerdings überhaupt nicht verträgt, sind Überstunden und Kurzarbeit. Denn Voraussetzung für Kurzarbeit ist, dass ein "Arbeitsausfall" unvermeidbar ist. Leistet ein Angestellter, der sich eigentlich in Kurzarbeit befindet, Überstunden, ist das ein Indiz dafür, dass doch genügend Arbeit da ist, um den Mitarbeiter auf vollem Niveau zu beschäftigen. Nur in speziellen Fällen sind Ausnahmen erlaubt. Wer hier mogelt, macht sich strafbar.

Deshalb überrascht es, dass obwohl sich zu Hochzeiten im vergangenen Jahr sechs Millionen Arbeitnehmer – das sind immerhin rund 18 Prozent aller Beschäftigten in Deutschland – in Kurzarbeit befanden, die durchschnittliche Anzahl an Überstunden laut den Daten von Gehalt.de im Vergleich zum Vorjahr nur minimal (um sechs Minuten) gesunken ist.

Noch gibt es keine wirklich validen Zahlen dazu, wie häufig Betrug beim Kurzarbeitergeld vorkommt. Es gab im vergangenen Jahr aber zahlreiche Berichte über Tricksereien bei Anträgen. Wie zum Beispiel über einen Hamburger Unternehmer, der 90 Mitarbeiter seiner Firma einfach erfunden hat und dafür 7,4 Millionen Euro Kurzarbeitergeld eingesackt hat.

Ob in Kurzarbeit oder nicht: Arbeitgeber sollten die Arbeitsmoral ihrer Angestellten nicht bis aufs Äußerste ausnutzen. Zwar zeigen die Zahlen von Gehalt.de auch, dass die durchschnittliche Anzahl der Überstunden weniger wird: In den vergangen 10 Jahren hat sich die Anzahl auf die Hälfte reduziert. Dennoch gibt es nach wie vor genug Unternehmen, die so auf Kante nähen, dass bestimmte Geschäftsprozesse gar nicht möglich wären, wenn die Angestellten keine Überstunden machen würden. Es bleibt abzuwarten, wie lange das noch so beibehalten werden kann – in Zeiten, in denen sich der Arbeitsmarkt mehr und mehr auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter ausrichten muss.

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