Überschätzen Banken die Treue ihrer Kunden?

Die europäische Bankenaufsicht hat Gesprächsbedarf: Sie hat Zweifel, ob alle Geldhäuser die Risiken bei einer möglichen Zinswende angemessen berücksichtigen. Das gilt besonders für das Verhalten von Privatkunden.


Die Deutschen trennen sich eher von ihrem Ehepartner als von ihrer Bank. Dieses Credo galt viele Jahre, wenn sich Finanzmanager über die Besonderheiten des deutschen Privatkundengeschäfts austauschten. Hinzu kommt, dass es für Banken in Zeiten fallender Leitzinsen ohnehin schwierig ist, Kunden mit attraktiven Zinssätzen von der Konkurrenz wegzulocken.

Doch aus Sicht der Europäischen Zentralbank (EZB) überschätzen einige Institute möglicherweise die Treue ihrer Kunden. „Es ist riskant, wenn sie annehmen, dass das Kundenverhalten gleichbleibt“, warnte EZB-Generaldirektor Korbinian Ibel am Montag bei der Vorstellung der Stresstest-Ergebnisse 2017. „Wenn die Leitzinsen steigen, kommen neue Wettbewerber in den Markt und das Kundenverhalten kann sich ändern. Auf dieses Risiko müssen Banken vorbereitet sein.“


Bisher ist das laut Ibel kaum der Fall. Nur in sieben Prozent aller Modelle sei berücksichtigt, dass die Kundeneinlagen bei steigenden Leitzinsen nicht so stabil bleiben könnten wie in den vergangenen Jahren. Für die Geldhäuser ist das von großer Bedeutung, schließlich hängt von den Kundeneinlagen auch ihr Liquiditäts- und Kapitalbedarf ab.

Ibel will diese und andere Ergebnisse des Stresstests nun „in intensiven Diskussionen“ mit den Geldhäusern erörtern. „Wenn Banken in die Situation hineinstolpern und dieses Risiko erst in unseren Diskussionen erkennen, dann können wir von ihnen einen zusätzlichen Kapitalpuffer verlangen.“ Insgesamt müssen sich 51 von 111 untersuchten Großbanken darauf einstellen, von der EZB intensiver zu Risiken bei einer möglichen Zinswende befragt zu werden. Die meisten Geldhäuser könnten deutliche Zinsänderungen aber gut wegstecken, betonte Ibel.

Auch steigende Zinsen haben Nachteile

Die Resultate des Tests fließen wie üblich in die Überprüfung der einzelnen Geldhäuser ein. Im Anschluss legt die EZB individuelle Kapitalvorgaben für die rund 120 Institute fest, die sie direkt beaufsichtigt. Branchenweit werde sich an den Kapitalanforderung durch den Stresstest nichts ändern, sagte Ibel. Bei einzelnen Instituten könne es jedoch durchaus Erhöhungen beziehungsweise Senkungen um bis zu 25 Basispunkte geben.

Die EZB gab bei ihrem Stresstest in diesem Jahr – anders als bei einer ähnlichen Übung 2016 – keine Ergebnisse für einzelne Institute bekannt. Und der Fokus lag dieses Mal alleine auf möglichen Veränderungen der Leitzinsen. „Dadurch können wir nun Diskussionen auf einem Level führen, das bisher undenkbar war“, sagt Ibel.

Bei einem Anstieg der Zinsen um zwei Prozentpunkte würde das Zinsergebnis der untersuchten Banken bis 2019 um gut zehn Prozent steigen. Allerdings würde der Wert des Anlagebuchs um 2,7 Prozent fallen – unter anderem wegen einer Neubewertung von Krediten und Anleihen. Falls die EZB-Leitzinsen auf dem aktuellen Stand von null verharren, würde das Zinsergebnis der Banken um 7,5 Prozent fallen, schließlich laufen bei den Banken immer mehr höher verzinsten Anlagen und Kredite aus.