Wer hinter der Übernahme von Hasseröder und Diebels steckt

Die schwächelnden Biermarken Hasseröder und Diebels gehen an einen unbekannten Investor. Nicht nur dessen Vergangenheit wirft Fragen auf.

Der Investor hat seinen Kauf gerade erst bekannt gegeben, da steht er auch schon volksnah am Zapfhahn im ostdeutschen Wernigerode. Die Schaumkrone sitzt so akkurat wie seine Frisur, und auch sonst ist die Veranstaltung wunderbar inszeniert. Nein, er werde hier, am Sitz von Hasseröder, niemanden entlassen, verspricht der neue Eigentümer Daniel Deistler. Stattdessen will der Mann aus Kronberg bei Frankfurt Leute einstellen und „kräftig investieren“. Die Traditionsmarke müsse nur von den Fesseln eines Großkonzerns befreit werden, dann werde es mit ihr schon wieder nach oben gehen.

Die Belegschaft ist begeistert. „Ein schöner Tag“, der Diebels-Werbesong aus den Neunzigern, wäre der perfekte Soundtrack für die große Show. Schließlich hat Deistler dem belgischen Konzern AB Inbev auch noch die bekannte Altbiermarke abgekauft. Ein heimischer Investor, der zwei darbende Traditionsfirmen mit frischem Geld aufpäppeln will – was kann es Besseres geben?

Tatsächlich werden die Zweifel an Deistlers Konzept umso größer, je intensiver man sich mit der Transaktion beschäftigt. Die Branche jedenfalls rätselt, warum er mit seinem Unternehmen CK Corporate Finance ohne relevante Erfahrung und eigenes Kapital ausgerechnet ins umkämpfte und schrumpfende Biergeschäft einsteigt. Zudem fällt Deistlers bisherige Erfolgsbilanz mager aus. Im sächsischen Mylau etwa hat er vor vier Jahren ähnlich optimistische Geschichten erzählt. Nach oben aber ging dort gar nichts. Nach wenigen Monaten schon war das von ihm übernommene Unternehmen pleite.

Trübe Aussichten

Seit einem Jahr schon wollte AB Inbev Hasseröder und Diebels verkaufen. Doch alle namhaften Brauereien und Finanzinvestoren winkten ab. Seit 1991 ist der Bierabsatz in Deutschland von 118 auf 94 Millionen Hektoliter gesunken. Von den großen Marken konnten 2017 nur Krombacher, Veltins und Paulaner den Absatz steigern. Alle anderen mussten teils herbe Rückschläge verdauen.




Hasseröder zählte zu den größten Verlierern. Mit einem Absatz von fast drei Millionen Hektolitern war das „Premium Pils“ einst die viertgrößte Marke in Deutschland. Seit der Übernahme durch AB Inbev vor 15 Jahren hat die Brauerei aus dem Harz jedoch nicht nur unter sinkendem Durst, sondern auch unter haarsträubenden strategischen Fehlern gelitten. Erst kappten die belgischen Biermanager das Werbebudget, und als dann die Umsätze zurückgingen, ließen sie eine Schnäppchenaktion auf die nächste folgen. Aber selbst Preise von sieben bis zehn Euro pro Kasten brachten den Absatz nicht in Schwung. 2016 ging er um sieben, 2017 gar um fast zehn Prozent zurück.

Noch trüber sieht es bei Diebels aus. Die Nachfrage nach Altbier schwindet schneller als bei anderen Sorten, der Absatz des Marktführers aus Issum am Niederrhein ist binnen 15 Jahren von 1,6 Millionen auf zuletzt gerade noch 350 000 Hektoliter gestürzt. Solche Größenordnungen erreichen selbst Haus- und Craftbier-Brauer.

Für beide Marken soll Deistler angeblich 200 Millionen Euro auf den Tisch legen. In der Branche mag das so recht niemand glauben. Sollte er auch Schulden und Pensionslasten übernehmen, dürfte er sicher deutlich weniger zahlen. Selbst wenn man ihm beste Absichten unterstellt, müsste man den Kauf mutig nennen. Doch wer sich mit seiner bisherigen Karriere als Unternehmer beschäftigt, kann an seinen Plänen zweifeln.


"Klar, dass man von ihm noch hören würde"

Nach dem Abschluss an der Frankfurter Hochschule für Bankwirtschaft arbeitet Deistler unter anderem bei der Commerzbank, der Dresdner Bank und Ernst & Young. „Mir war immer klar, dass man von ihm noch hören würde“, sagt einer, der ihn bei seinen ersten Schritten begleitet hat. „Ich war mir aber nie sicher, ob das im guten oder im schlechten Sinne sein würde.“

2004 erwirbt Deistler mit einem Partner die Carl Kliem Corporate Finance, damals kaum mehr als eine gesellschaftsrechtliche Hülle. Ein paar Jahre versucht er sich als Berater bei Transaktionen, als sich erste zarte Erfolge einstellen, kommt die Finanzkrise dazwischen. Seit 2012 ist die Gesellschaft laut Bundesanzeiger „bilanziell überschuldet“, der letzte dort veröffentlichte Jahresabschluss verzeichnet für 2015 gut eine halbe Million Euro Verlust und ein Eigenkapital von null Euro. Deistlers Aktivitäten bremst das nicht. Mal will er muslimische Kunden für „Sharia-konforme“ Immobilien begeistern, mal eröffnet er eine Polo-Schule.




Größere Wirkung entfaltet kein Projekt. Dafür taucht Deistlers Name im Zusammenhang mit Firmenübernahmen und anschließenden Insolvenzen auf. 2013 erwerben der Schweizer Firmensammler Hans-Dieter Fuchs und der wegen Insolvenzverschleppung verurteilte Exnotar Roland Müller von den Baukonzernen Bilfinger und Eurovia Unternehmenstöchter mit insgesamt mehr als 400 Mitarbeitern. Aus denen formen sie die Betam-Gruppe, Teile von dieser logieren zwischenzeitlich an Deistlers Geschäftsadresse in der Hans-Thoma-Straße 4 im Kronberger Gewerbegebiet. Deistler berät Betam, beschafft einen Kredit und kassiert dafür ein Honorar. Als das Unternehmen pleite ist, meldet er Forderungen von rund 1,3 Millionen Euro an. Die weisen die Insolvenzverwalter zurück, weil keine vertraglichen Vereinbarungen vorgelegen hätten. Die Staatsanwaltschaft Bochum ermittelt bei Betam noch wegen Insolvenzverschleppung und Betrugs gegen mehrere ehemalige Verantwortliche – nicht aber gegen Deistler.

Mitte 2013 sucht der Automobilzulieferer Mahle aus Stuttgart einen Käufer für sein Tochterunternehmen Behr, das in Mylau bei Zwickau Felgen für Motorräder produziert. Mit Vertrag vom 7. Januar 2014 überträgt Mahle die Anteile an dem 60-Mann-Unternehmen an eine Vorratsgesellschaft namens Platin 979. Wenig später wird aus dieser die Saxess Holding, die Daniel Deistler gehört. Der neue Eigentümer ändert den Namen Behr in IAM Components.

Wenig später stellt sich Deistler in Mylau vor, kündigt an, „die Firma technologisch und qualitativ unter Berücksichtigung des Marktes weiterzuentwickeln“, ein zuverlässiger Arbeitgeber der Region zu bleiben und auf Sicht Personal einzustellen. Dann passiert wenig, bis IAM im November einen Insolvenzantrag stellt.




Deistler sei nur daran interessiert gewesen, das Unternehmen auszuschlachten, sagt ein ehemaliger Mitarbeiter. Das Insolvenzverfahren ist noch nicht beendet. Vor dem OLG Fankfurt ist noch ein Berufungsverfahren anhängig, wie eine Gerichtssprecherin bestätigt. Dabei geht es offenbar um eine möglicherweise widerrechtliche Übertragung von Patenten. In erster Instanz hatte der Insolvenzverwalter der IAM recht bekommen.

Deistler selbst will sich zu all diesen Vorgängen nicht äußern. Stattdessen lässt er anwaltliche Schreiben schicken und verweist auf Konkurrenten, die ihn angeblich vom Markt fernhalten wollen. Volksnah geht eigentlich anders.