Übergriffe in Kliniken - Pflegerin bricht Tabu

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Hamburg/Ludwigsburg (dpa) - Es beginnt mit scheinbar flüchtigen Berührungen am Rücken und längerem Festhalten der Hände beim Drehen eines Patienten: Der Hamburger Intensivkrankenschwester Monika Wagner (Name von der Redaktion geändert) kommt dieses Verhalten bei der Übergabe an einen Kollegen schon eigenartig vor.

Als dieser sich dann bei der Dateneingabe am Computer viel zu nah hinter sie stellt und sie mit einer groben sexuellen Bemerkung anzumachen versucht, ist bei der Pflegerin die rote Linie überschritten. Sie wirft dem Mann, der auf ihre Station wechseln will, beim Weggehen zu: «Überleg dir mal, was du nächstens so sagst.» Doch dabei will sie es nicht belassen und wendet sich an ihre Vorgesetzten. Damit gehört die 29-Jährige zu den wenigen, die das Tabu sexueller Belästigung im Krankenhaus brechen.

Grenzüberschreitungen

Nach Angaben der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) setzen sich die meisten Krankenhäuser sehr intensiv mit Gewalt und sexuellen Übergriffen auseinander. Mitarbeiter können auf vielfältige Weise Grenzüberschreitungen ausgesetzt sein. «Einerseits gibt es in Krankenhäusern ausgeprägte Hierarchieebenen, die zu Missbrauch führen können. Andererseits entstehen Situationen, in denen auch Patienten übergriffig werden», meint ein DKG-Sprecher.

Die Krankenhausgesellschaft verweist auf das aus ihrer Sicht immer noch aktuelle Krankenhaus Barometer 2019 des Deutschen Krankenhausinstituts, nach dem rund 83 körperliche oder verbale Gewaltvorfälle pro Krankenhaus und Jahr zu verzeichnen sind. Und das Phänomen nimmt zu: In 59 Prozent der Krankenhäuser waren nach der Umfrage körperliche oder verbale Attacken in den letzten fünf Jahren gestiegen. Nach Personalgruppen sind Pflegerinnen überproportional von Übergriffen durch Patienten und Dritte betroffen. In jedem dritten Krankenhaus ist der Pflegedienst häufig und in 61 Prozent der Häuser gelegentlich Opfer von Belästigung. Besonders häufig werden Probleme in der Notfallambulanz gemeldet. Wegen der hohen Dunkelziffer zeigten die Zahlen nur die Spitze des Eisbergs, heißt es in der Publikation.

Blöde Sprüche? Nein danke!

Dieser Entwicklung wollen etwa die Ludwigsburger RKH Kliniken mit einer Ombudsfrau begegnen. Sie soll dafür sorgen, dass Betroffene sich offenbaren und mit fachkundiger Hilfe über weitere Schritte nachdenken können. Es gelte Null Toleranz für sexuelle Belästigung und Diskriminierung aus anderen Gründen, sagt RKH-Geschäftsführer Jörg Martin. «Es ist uns ein großes Anliegen, dass sich unsere Beschäftigten an ihrem Arbeitsplatz wohl und sicher fühlen.»

Sicher will sich auch Monika Wagner fühlen. «Blöde Sprüche muss ich mir von keinem Kollegen gefallen lassen», ist sie überzeugt. Deshalb informiert sie die Stationsleitung von dem Vorfall und macht deutlich, dass sie kündigt, sollte der Wunsch des Mannes, auf ihre Station zu wechseln, erfüllt werden. Bei der Gleichstellungsbeauftragten findet sie Gehör und Unterstützung. Sie erfährt, dass sie nicht allein ist mit ihren Problemen und auch Männer unter sexueller Belästigung leiden. Wagners Aussagen führen dazu, dass Stations- und oberste Krankenhausleitung den Mann abmahnen. Er kündigt dann selbst.

In Ludwigsburg bietet neuerdings die Ombudsfrau Stefanie Lejeune Betroffenen ein offenes Ohr. «Wenn sie das Gespräch mit mir suchen, kann das Erlebte durchaus drastisch sein», erzählt die ehemalige Richterin. Das Risiko von Übergriffen an Klinken sei besonders groß: «Dort arbeiten Menschen zwangsläufig in engem Körperkontakt, das betrifft Patienten und Personal sowie die Kollegen und Kolleginnen untereinander.» Einige Vorgesetzte nutzten ihre Position aus, wohl wissend, dass es den Betroffenen schwer fällt, sich bei den Chefs ihrer Vorgesetzten zu beschweren.

Die vorwiegend weiblichen Opfer haben Lejeune zufolge große Hemmungen, Übergriffe öffentlich zu machen. «Sie fragen sich, ob sie gewisses Verhalten provoziert oder das Geschehene richtig interpretiert haben.» Die langjährige Ombudsfrau weiß: Je jünger und unerfahrener die Betroffenen, desto geringer sei ihr Mut, mitzuteilen, dass ein Kollege oder Patient ein «Nein» nicht akzeptiert. «Manche Betroffene können erst nach Jahren über das Vorgefallene sprechen und wollen die Täter dann zur Verantwortung ziehen, damit andere nicht dasselbe Unrecht erleiden müssen», hat die Juristin beobachtet.

Fürsorgepflicht des Arbeitgebers

Auch Monika Wagner hat die Scheu der Opfer erlebt, über das Widerfahrene zu sprechen. «Die meisten tun solche Anmache ab, aber viele fühlen sich beeinträchtigt und beschäftigen sich doch innerlich damit.» Als Kolleginnen von dem Übergriff auf sie erfahren, berichten auch andere von ähnlichen Erfahrungen mit dem betreffenden Kollegen.

Ombudsfrau Lejeune betont die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers. Erhalte er dahingehende Hinweise, müsse er diesen nachgehen und zum Schutz der Beschäftigten - bei Kliniken zudem der Patienten - das übergriffige Verhalten unterbinden. Eine starke Fluktuation am Arbeitsplatz oder häufige Fehlzeiten könnten Anzeichen insbesondere für sexuelle Belästigung sein. 

Wichtig für die Aufarbeitung sei auch die Frage «Wer hat weggeschaut und was können wir tun, damit Beschäftigte intervenieren, wenn Kollegen oder Kolleginnen sich verbalen oder körperlichen Attacken ausgesetzt sehen.» Die RKH-Kliniken ziehen eine positive Bilanz des seit April bestehenden Angebotes. Der Bedarf sei vorhanden, die Schritte gegen sexuelle Belästigung seien wirksam.

Intensivpflegerin Wagner rät nach ihren Erfahrungen vor rund eineinhalb Jahren allen Betroffenen, sich Hilfe zu holen. Ihr Appell an Opfer sexueller Belästigung: «Macht den Mund auf, schämt euch nicht, ihr habt nichts falsch gemacht.»

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