Ein überfälliges Signal: Finger weg!


Die Zahlen sind beeindruckend. Am Mittwochabend liegen die drei größten Kryptowährungen dick im Minus: Der Bitcoin ist um 22 Prozent gefallen und hat Ethereum mit minus 30 Prozent und Ripple mit minus 35 Prozent mitgerissen. Das Rekordhoch von 20.000 Dollar im Dezember hat der Bitcoin weit hinter sich gelassen und notiert aktuell bei 9.400 Dollar.

2018 bringt damit dreifach schlechte Nachrichten für Krypto-Anleger: Der große Kurssturz ist da. Es könnte noch weiter runter gehen. Und: Eine Erholung wird dauern. Doch auch wenn es paradox klingt: Die Entwicklung ist hilfreich – und potentiell heilsam. Schließlich könnte sie ein überfälliges Stoppsignal für die zahlreichen Privatanleger darstellen, die mit der Hoffnung, auch noch ein großes Stück vom Krypto-Kuchen abzubekommen, den Markt überflutet haben.

Seit einem Jahr mehren sich die Zeichen, dass der Markt überhitzt; seit dem Herbst sind sie nicht mehr zu übersehen. Bei Youtube wird man heute bombardiert mit Werbevideos von 20-jährigen angeblichen Bitcoin-Millionären, die vor einer Oberklasselimousine von ihrem neuen Reichtum schwärmen. Unzählige Werbemails, -banner und -anzeigen nehmen inzwischen die Zielgruppe in die Zange, die sich am wenigsten auf dem Krypto-Markt tummeln sollte: Rentner, Kleinsparer und digitale Späteinsteiger.


Letztere sollten sich eine einfache Wahrheit vor Augen führen: Der Bitcoin ist allein im Jahr 2017 in der Spitze um 2.000 Prozent angestiegen. Aus diesem Grund sind weitere vergleichbare fantastische Kurssteigerungen schlicht nicht realistisch. Das Aufwärtspotential an der Börse ist begrenzt, und mit jedem neuen Hoch wächst die Wahrscheinlichkeit, dass Anleger der ersten Stunde aussteigen. Genau das passiert momentan auf breiter Front in China und erklärt neben anderen Faktoren (etwa Short-Positionen der Chicagoer Bitcoin-Futures) den aktuellen Kurssturz.

Im tiefsten Inneren wissen die meisten Anleger zwar, dass sich ein Kursplus von 2.000 Prozent kaum wiederholen wird. Ihre Hoffnung setzen sie aber auf die Prognosen einzelner Beobachter, die Kursziele von 100.000 oder gleich einer Million Dollar publizieren. Seriös ist das nicht. Oft sind solche Voraussagen interessensgeleitet oder sie basieren auf unrealistischen Annahmen. Eine davon ist, dass sich der Bitcoin zur bevorzugten Welthandelswährung entwickelt. Letzteres widerspricht der Entwicklung in den großen Volkswirtschaften, die (mit der Ausnahme Japans) immer restriktiver gegen den Bitcoin vorgehen, mit dem Marktplatz der Welt, China, an der Spitze.

Auch der vermeintlich clevere Ausweg, in kleinere und weniger bekannte Kryptowährungen zu investieren, in der Hoffnung, von ähnlichen Kurssteigerungen wie beim Bitcoin zu profitieren, ist ein Irrweg. Anleger hatten Ähnliches auch beim Neuen Markt versucht und nach der Telekom-Aktie in immer fragwürdigere IT-Buden investiert. Die Folgen sind bekannt: Nur die Telekom gibt es noch, die meisten Internetklitschen sind verschwunden.

Sieht man den aktuellen Kurssturz als überfälliges Warnsignal, dann lässt sich ihm sogar Positives abgewinnen: Beim Neuen Markt, dem „Nemax“-Segment der Deutschen Börse, hatte es eine vergleichbare Korrektur vor dem Jahr-2000-Crash nicht gegeben. Umso unvorbereiteter traf viele Kleinsparer der Absturz. Der harte Kern der Krypto-Enthusiasten hatte den Aufstieg des Bitcoins 2017 von 1.000 auf bis zu 20.000 Dollar sowieso kritisch gesehen – und den Zustrom der Privatanleger skeptisch beäugt.


Während die Bitcoin-Fans der ersten Stunde immer noch von einem weltumspannenden Zahlungssystem träumen, das Banken und Zentralbanken überflüssig macht, sind die Neueinsteiger, die sich mehr mit den phantasierten künftigen Krypto-Millionen als mit der Technik hinter dem Hype beschäftigt haben, nur aus einem Grund eingestiegen: der Lust an der Spekulation. Und wie im Spielcasino kann man auch an der Börse verlieren. Frühere Bitcoin-Crashs blieben vielleicht unbemerkt, weil Kursstürze von 50 Prozent bei einem Preis von zehn Dollar niemandem den Schlaf rauben. Heute werden bei einem Verfall in gleicher Höhe jedoch Milliarden bewegt.

Der Einstieg der Spekulanten bringt noch ein weiteres Problem mit sich: Während eine Aktie in ihrer Funktion als Anteilsschein nicht beeinträchtigt wird, wenn der Kurs durch die Decke geht, steht das Bitcoin-Netzwerk am Rand des Kollaps. Die vielen neuen Teilnehmer überlasten die Datenbank. Und da auch in der Krypto-Gemeinschaft angesichts der Kursexplosionen die Gier Einzug gehalten hat, wird die Einigung auf eine überfällige Code-Reform immer komplizierter.

Krypto-Enthusiasten dürften dennoch nicht die Nerven verlieren. Sie denken langfristig. Ihr frühes Engagement hat sich auch dann ausgezahlt, sollten die Kurse noch weiter fallen.

Wer hingegen erst vor kurzem in Kryptowährungen investiert hat in der Hoffnung, über Nacht reich zu werden, der sollte den aktuellen Absturz zum Anlass nehmen, sein Engagement zu überdenken. Und für Neueinsteiger gilt spätestens jetzt: Finger weg!

Hier geht es zur Seite mit dem Bitcoin-Kurs, hier können Sie aktuelle Wechselkurse berechnen.