Über Nacht zur Firmen-Chefin


Es ist ein Ritual, das sich jeden zweiten Samstagnachmittag kurz vor halb vier wiederholt: Alexandra Schörghuber nimmt auf der Tribüne in der Münchener Fußball-Arena Platz, richtet ihre Augen auf den grünen Rasen und drückt dem FC Bayern die Daumen. So gut wie jedes Heimspiel des Rekordmeisters verfolgt die Frau mit dem schulterlangen, blonden Haar im Stadion.

Die Unternehmerin begnügt sich allerdings nicht damit, am Spielfeldrand mitzufiebern. Die Eigentümerin der Münchener Schörghuber-Gruppe redet kräftig mit. Nicht bei sportlichen Fragen, natürlich. Wenn der Club neue Kicker verpflichtet, dann nimmt sie das lediglich wohlwollend zur Kenntnis. Sie meldet sich vielmehr dann zu Wort, wenn es ums große Ganze geht. Die 59-Jährige ist stellvertretende Vorsitzende des Verwaltungsbeirats, einer Art Vertretung der 290.000 Mitglieder – als erste und einzige Frau in einer hochkarätig besetzten Männerrunde. „Für uns ist sie wichtig, weil ihr unternehmerischer Rat Gold wert ist“, betonte Bayern-Präsident Uli Hoeneß einmal in einem Interview. Sie selbst hält etwas anderes für bedeutsam: „Dem FC Bayern tut es gut, wenn da eine Frau zwischendrin sitzt.“

Es ist alles andere als selbstverständlich, dass Schörghuber an der Seite von gestandenen Mannsbildern wie dem ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber oder dem früheren Siemens-Chef Heinrich von Pierer die Geschicke des FC Bayern lenkt. Bis zum 25. November 2008 hatte kaum jemand in der Öffentlichkeit von der in Frankfurt geborenen Pfarrerstochter Notiz genommen. Doch dann stirbt ihr Mann, Stefan Schörghuber, völlig unerwartet mit 47-Jahren an einem Herzinfarkt. Über Nacht muss die gelernte Hotelkauffrau einen Konzern mit mehr als 6.000 Mitarbeitern führen.


Doch Alexandra Schörghuber zögert nicht. Nur wenige Stunden nach dem Tod ihres Mannes tritt sie vor die Mitarbeiter: „Die Schörghuber-Unternehmensgruppe wird bleiben, was sie ist“, beteuert sie. Und fügt mit Nachdruck hinzu: „Mein Mann stand bei Mitarbeitern und Geschäftspartnern für Verlässlichkeit, Stabilität und langfristiges Denken und Handeln. Ich werde dafür sorgen, dass diese Werte auch in Zukunft unser Handeln bestimmen.“
Fast zehn Jahre sind vergangen, und es zeigt sich: Die Unternehmerin hat Wort gehalten. Mehr noch: Das Erbe ihres Gatten hat Alexandra Schörghuber nicht nur bewahrt, sie hat es umsichtig gemehrt, mutig eigene Akzente gesetzt und dem Konzern damit neue Wachstumschancen eröffnet. So wie mit ihrer großen Lachszucht in Chile, mit der sie eine ganz neue Sparte in der Gruppe geschaffen hat. Oder dem riesigen Brauereineubau in München, wo sie 300 Millionen Euro investierte, damit Paulaner mit seinem berühmten bayerischen Weißbier weltweit neue Kunden gewinnen kann. Das Luftfahrtgeschäft hingegen, ein Steckenpferd des Unternehmensgründers Josef Schörghuber, stellte sie kurzerhand ein, zu klein erschien ihr die Sparte im weltweiten Wettbewerb.


Die Führung der Dachgesellschaft, der Schörghuber Stiftung & Co. Holding KG, hat sie zwar schon kurz nach dem Todesfall Klaus Naeve übertragen, dem langjährigen Steuerberater und engem Vertrauten der Familie. Den Chefposten habe sie sich „nicht zugetraut“, gesteht sie. Als stellvertretende Vorstandsvorsitzende ist sie jedoch nah am Tagesgeschäft dran. „Ich bin mittendrin“, betont sie, dadurch sei ihr Unternehmen schnell und wendig. „Mir muss nichts erklärt werden.“ Gleichzeitig füllt sie als Chefin des Stiftungsrates die Rolle der Aufsichtsratsvorsitzenden aus.

Ein in Deutschland ungewöhnliches Konstrukt. Doch was ist schon normal in einem Familienunternehmen? Schließlich beruht der Erfolg ja häufig gerade darauf, mit den Konventionen zu brechen. So sei auch ihr Unternehmen nicht nach einem groß angelegten Plan entstanden, betont Schörghuber. Es habe sich halt so ergeben. In der Tat, die Schörghuber-Gruppe besteht heute aus vier Sparten, die wenig miteinander zu tun haben, aber nach und nach dazustießen: erst die Bau- und Immobilien‧sparte, dann die Hotels, später folgten die Brauereien, zuletzt die Lachszucht in Südamerika.

2016 erzielt die Gruppe einen Umsatz von 768 Millionen Euro und einen Gewinn von 74 Millionen Euro. Dazu kommen knapp 630 Millionen Euro Umsatz der Brauereisparte, eines Joint Ventures, an dem die niederländische Heineken-Brauerei 30 Prozent hält. Die Zahlen schwanken von Jahr zu Jahr stark, das hängt vor allem mit großen Projekten der Bau- und Immobiliensparte zusammen. So lag der Umsatz – ohne die Getränkesparte – im Jahr zuvor noch bei knapp einer Milliarde Euro, der Überschuss bei 120 Millionen Euro.


Kein leichter Weg

Der Weg dahin war nicht leicht. Alexandra Schörghuber übernimmt im Spätherbst 2008 einen historisch gewachsenen Konzern. Den Ausgangspunkt bildet das Jahr 1937. Nach einer Lehre in der Schreinerei seines Vaters in Mitterham bei Mühldorf zieht Josef Schörghuber mit 17 Jahren nach München. Zunächst arbeitet er in einer Zimmerei, später beginnt er ein Studium als Bauingenieur. Kriegsdienst und Gefangenschaft verzögern seinen Abschluss. Mit dem Diplom in der Tasche baut Schörghuber sein erstes Wohnhaus in München mit 27 Einheiten.

1954 gründet Schörghuber in München die Bayerische Hausbau, die Keimzelle der Gruppe. Über die Grenzen der bayerischen Landeshauptstadt hinaus bekannt wird Schörghuber Mitte der 60er-Jahre. Der Bauunternehmer errichtet mit dem Arabellapark einen ganz neuen Stadtteil im Osten der Metropole. Dabei entsteht auch ein Hotel. Daraus entwickelt sich mit den Jahren eine eigenständige Sparte. Kurz darauf steigt der Entrepreneur in die Luftfahrt ein, indem er zwei kleinere Airlines übernimmt. Ende der 70er-Jahre schluckt Schörghuber dann die Münchener Traditionsbrauereien Paulaner und Hacker-Pschorr und legt damit den Grundstein für die Getränkedivision.
Ein gutes Vierteljahrhundert später begründete Alexandra Schörghuber einen neuen Firmenzweig. Die riesige Lachszucht Ventisqueros in Chile kommt hinzu. Atlantik‧lachs, Pazifiklachs und Lachsforelle – Fischsorten, die Alexandra Schörghuber persönlich am Herzen liegen. Als die drei Kinder aus dem Gröbsten heraus sind, will sie nicht einfach zu Hause versauern. „Andere Ehefrauen bekommen eine Boutique“, meint sie rückblickend. Sie hingegen hilft zunächst einem befreundeten Ehepaar, das sich mit der Aufzucht am Pazifik überhoben hatte. Mit den Jahren übernimmt die Unternehmerin dann das Ruder des verlustreichen Unterfangens in Patagonien. Alle anderen Sparten ihrer Gruppe erbt sie von ihrem Mann, die Farm in Puerto Montt hingegen ist ihrer Hände Frucht.


Eigentlich ist das ein schönes Geschäft, immer mehr Menschen greifen zu dem blass-rötlichen Fisch. Doch es ist auch risikoreich. Krankheiten können auf einen Schlag ganze Jahrgänge vernichten. So kämpft auch Alexandra Schörghuber seit Jahren immer wieder mit roten Zahlen, 2015 liegt der Verlust bei fast 60 Millionen Euro. Immerhin, 2016 fällt das Minus mit rund neun Millionen wesentlich kleiner aus. Sich von den Fischen zu trennen kommt dennoch für Alexandra Schörghuber nicht infrage. „Das ist eine Sache, die ich selber aufbauen durfte“, sagt Schörghuber. Sie ist überzeugt, dass sich die Sparte gut entwickeln wird. „Die Menschheit braucht Proteine, und Lachs ist ein guter und günstiger Proteinlieferant.“ Sie verschickt den Fisch in die USA, nach Brasilien, Japan und Russland.
Den langen Atem hat sie von ihrem Mann und dem Schwiegervater. Ansonsten aber pflegt sie einen ganz anderen Führungsstil. Der Senior sei ein Geheimniskrämer gewesen, einer, der eher im Verborgenen werkelte, heißt es. Ihr Mann wiederum gab sich zwar nach außen hin zurückhaltend. Doch wenn ihm etwas nicht gepasst hat, dann griff Schörghuber schon einmal energisch durch. Die Topmanager wechselten häufig, die „Frankenpost“ nannte ihn wenige Monate vor seinem Tod einmal „Wirtschaftsrambo“, nachdem er bei der Kulmbacher Brauerei fast das gesamte Führungspersonal ausgetauscht hatte.
„Das ist Deutschlands neue Bier-Königin“, titelte die „Welt“ über Alexandra Schörghuber kurz nach dem Tod ihres Mannes. Für die Münchener „Abendzeitung“ ist sie häufiger die „B(r)au-Löwin“. Sie selbst sieht sich ganz und gar nicht als Herrscherin. „Ich bin der Motivator und der Kummerkasten“, beschreibt sie ihre Rolle im Unternehmen. Natürlich, das letzte Wort habe sie als Eigentümerin. Aber sie führe eben nicht nach Gutsherrenart, sondern offen, transparent und im Einvernehmen mit ihrem Führungspersonal. „Ich versuche, alle zu überzeugen“, meint Schörghuber, und bislang habe sie immer eine Ebene für die sachliche Diskussion gefunden.
Die Zusammenarbeit mit ihrem Vertrauten an der Unternehmensspitze, Vorstandschef Naeve, scheint harmonisch. „Die Abstimmung ist sehr eng“, sagte der Manager einmal in einem Handelsblatt-Interview. „Sie können ein Familienunternehmen immer nur mit der Familie führen, nicht gegen sie.“

Wie es mit der Gruppe weitergeht? Im holzgetäfelten Besprechungssaal thront eine mannshohe, goldene Buddha-Statue, eine Hinterlassenschaft des Firmengründers. Es ist kein Zufall, dass Alexandra Schörghuber das Kunstwerk dort belässt, wo es schon immer stand. So wie der Religionsstifter in sich ruht, so will auch die Unternehmerin von schnellen Kurswechseln nichts wissen.
Natürlich schreckt sie vor unangenehmen Entscheidungen nicht zurück, wenn es denn sein muss. So stößt sie 2010 das Flugzeugleasing ab, einen über Jahre hinweg hochprofitablen Bereich, der letztlich aber nicht groß genug ist, um im weltweiten Wettbewerb zu bestehen. Vergangenes Jahr hat sie sich von ihrem Weingut in Südafrika getrennt, auch das schien ihr nicht konkurrenzfähig.
Gleichwohl, sie ist bereit, Risiken einzugehen. So zog Schörghuber vor drei Jahren für mehr als 300 Millionen Euro eine neue Brauerei in Langwied, im Westen von München, in die Höhe. Der traditionsreiche Standort von Paulaner am Rande der Innenstadt war zu eng geworden. Ein gewagtes Unterfangen, schließlich stagniert der Bierabsatz in Deutschland seit Jahren. Ursprünglich wollte der Lokalrivale Spaten-Löwenbräu auf dem Areal bauen, doch dessen belgisch-brasilianischer Eigentümer Inbev gab seine bereits weit fortgeschrittenen Pläne angesichts der unsicheren Aussichten auf.
Schörghuber hingegen gibt sich kämpferisch: „Wir haben das nicht nur aus Traditionsdenken heraus gebaut.“ Vor allem im Ausland sei das berühmte Weißbier aus München gefragt, dort steige der Absatz. Zudem kann sie mit ihrer bayerischen Hausbau-Sparte jetzt das alte Brauerei-Areal in Isarnähe überbauen, ein Filetgrundstück in der Metropole. Für ein Einzimmerappartement kassiert ihre Immobilienfirma mehr als 400.000 Euro. Es verspricht ein lukratives Geschäft zu werden.
Doch für radikale Kurswechsel ist Schörghuber eben nicht zu haben. So wird es auf absehbare Zeit bei den vier Sparten bleiben. Ob eine ihrer beiden Töchter oder ihr Sohn die Firma eines Tages leitet? Das ist ungewiss. Alle hätten sie Betriebswirtschaft studiert, erzählt Schörghuber, wohl auch aus einem gewissen Gefühl der Verantwortung für das Erbe des Vaters. Aber das bedeute noch lange nicht, dass sie irgendwann in der Vorstandsetage Platz nehmen müssten. Sicher ist nur, dass die Firma in Familienbesitz bleiben soll.

Ohnehin denkt die energiegeladene Frau nicht an Abschied, nicht aus ihrem Konzern, schon gar nicht von ihren Unternehmungen außerhalb der Gruppe. Sie muss selbst lachen, dass aus Hobbys öfter mal ein eigenes kleines Geschäftsfeld wird. Aus ihrer Liebe zu betagten Autos wurde sie Veranstalterin von Oldtimer-Rallyes. Quasi nebenher betreibt die begeisterte Wintersportlerin Skigebiete am Spitzingsee und am Brauneck sowie eine Handvoll Hotels und Golfplätze. Selbst beim Fußball ist sie nicht nur aus Freude am Sport dabei: Ihre Paulaner-Brauerei ist Sponsor des FC Bayern.