Über die hohe Kunst, an der Börse gegen den Strom zu schwimmen

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Erfolgreich gegen den Trend wetten ist vielleicht die höchste Kunst an der Börse. Denn MIT dem Trend gehen, das kann jeder. Es ist viel beliebter, auf einen fahrenden Zug aufzuspringen und dann zu hoffen, dass er noch eine möglichst lange Strecke zu fahren hat. Im Gegensatz dazu erfordert es Mut, auf eine Aktie, eine Branche oder gar eine ganze Anlageklasse zu setzen, die auf den Börsenportalen kaum eine Rolle spielen.

Ähnlich sieht es aus bei Themen, wo Bedenkenträger die Diskussion dominieren. Doch wer wünschte im Rückblick nicht, die Streaming-Revolution, das Hype-Potenzial von Bitcoin oder die Entwicklung der Wasserstoffwirtschaft frühzeitig erkannt zu haben, als viele noch zweifelten? Auch heute kann man versuchen, das nächste große Thema vorherzusehen.

Oder aber man hält abseits der modischen Segmente wie Cloud, Elektromobilität und E-Commerce nach Anlagechancen Ausschau, die den Eindruck einer günstigen Bewertung machen.

Allerdings ist ein optisch günstiges Erscheinungsbild bei Weitem keine Garantie für eine überdurchschnittliche Rendite. Das Risiko ist nämlich, dass das Mauerblümchen noch sehr lange ein Mauerblümchen bleibt. Wer zum Beispiel im September 2011 dachte, dass Stahl-Champion ArcelorMittal eine wunderbare antizyklische Wette sei, der hat bis heute keine Rendite gemacht.

Oder wer ganz visionär schon Ende 2009 den Durchmarsch der Brennstoffzelle vorhergesehen hatte und auf Ballard Power setzte, der musste fast zehn Jahre warten, um auf seine Kosten zu kommen. An einer Aktie festzuhalten, die nicht so richtig in die Wachstumsspur kommen will, fällt schwer. Die meisten dürften zwischenzeitlich entnervt aufgegeben oder spätestens bei der ersten Verdopplung verkauft haben — und verpassten daher trotz ihrer Weitsicht das Beste.

Was es beim Gegen-den-Strom-Schwimmen sonst noch zu beachten gibt

Damit kommen wir zur wichtigen Frage der konkreten Umsetzung. Es ist leicht, etwas Geld in die Hand zu nehmen, um auf eine solche Chance zu setzen. Viel schwieriger ist die Frage, wann man aufgeben oder Gewinne realisieren sollte.

So könnte man auf die Idee kommen, regelmäßig seine am besten gelaufenen Aktien zu verkaufen, um mit den Erlösen auf die nächste antizyklische Chance zu wetten. Das Problem dabei ist, dass deine Investitionsthesen gar nicht die notwendige Zeit bekommen, um sich zu entfalten. Am Schluss bleibst du wahrscheinlich mit einem Depot voller Durchhänger zurück.

Sinnvoller ist es daher, primär neues Geld für antizyklische Investments einzusetzen und bestehende Investments nur im Ausnahmefall abzustoßen. Wenn es dir dann noch gelingt, vielfältige Ideen zu generieren, dann wirst du über die Zeit ein hervorragend diversifiziertes Depot mit vielen Chancen aufbauen. Das ist wichtig, um nicht immer wieder in die gleiche Kerbe zu schlagen. Man muss mit Demut anerkennen, dass der Markt gelegentlich Recht hat.

Die Möglichkeiten sind vielfältig

Daher würde ich vorschlagen, in ganz verschiedene Richtungen zu denken:

In einem Monat könnte deine Idee dann etwa wie folgt lauten: „alle finden Versicherungen langweilig – ich finde sie jetzt billig und sehe durch eine mögliche Zinswende zusätzliche Chancen.“ Im Folgemonat: „es wird so getan, als ob den Erdölmultis das Hahn abgedreht wird wegen der Energiewende – ich sehe dort jedoch eine Menge Cashflows und Gestaltungsmöglichkeiten.“ Dann: „um Marihuana ist es zuletzt wieder ruhiger geworden – ich denke jedoch, dass es bald erst richtig losgeht.“ Oder noch etwas mutiger: „im Moment flüchten alle aus Investments in der Türkei – ich hingegen erwarte, dass die Potenziale dieses wichtigen Landes schon bald wieder deutlicher hervortreten.“

Aus diesen Beispielen wird deutlich, dass gegen den Trend zu investieren viele Facetten haben kann. Es mag Überschneidungen geben mit anderen Anlagestilen, wie etwa den Turnaround-Wetten oder auch dem Investieren in Substanz. Allerdings geht es im Kern nicht darum, Unternehmen zu finden, die einerseits zwischen Pleite und Sanierungserfolg stehen oder andererseits lediglich günstige Bewertungskennzahlen aufweisen, die man rein mechanisch herausfiltern könnte.

Vielmehr geht es hier auch um Börsenpsychologie, nämlich die Vorhersage, dass das als vernachlässigt wahrgenommene Anlageobjekt auf absehbare Zeit wieder zurück ins Rampenlicht kommt.

Wir lieben es, auf die bestgeführten Unternehmen zu setzen, die erfolgreich eine langfristige Wachstumsstrategie verfolgen. Doch gerade in diesem schwer einschätzbaren makroökonomischen Umfeld bietet es sich an, einen einseitigen Fokus zu vermeiden und zumindest gelegentlich im besten Sinne quer zu denken.

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Der Artikel Über die hohe Kunst, an der Börse gegen den Strom zu schwimmen ist zuerst erschienen auf The Motley Fool Deutschland.

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Ralf Anders besitzt keine der erwähnten Aktien. The Motley Fool besitzt keine der erwähnten Aktien.

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