Über diese Pferde-Quälerei spricht kaum jemand

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Über diese Pferde-Quälerei spricht kaum jemand
Über diese Pferde-Quälerei spricht kaum jemand

Die Bilder von Tokio gingen um die Welt.

Der widerspenstige Saint Boy. Die in Tränen aufgelöste Fünfkämpferin Annika Schleu, die auf dem Rücken des Pferdes das sicher scheinende Olympia-Gold verlor. Bundestrainerin Kim Raisner, die vor den Kameras und Mikrofonen die deutsche Fünfkämpferin mit den Worten „Hau mal richtig drauf“ zum Einsatz der Gerte aufforderte und dem Pferd einen Faustschlag in die Seite verpasste.

Der Aufschrei war groß. Schleu erlebte einen Shitstorm in den Sozialen Netzwerken, Tierschützer erstatteten Anzeige wegen Tierquälerei. Kritik gab es auch von Deutschlands erfolgreichster Dressurreiterin Isabell Werth („Das hat mit Reiten nichts zu tun“).

Im Club der Besten an Spaniens Costa del Sol spricht Fünfkämpfer Matthias Sandten im SPORT1-Interview über den Vorfall, nennt grundsätzliche Probleme im Reitsport sowie im Modernen Fünfkampf - und verweist darauf, dass auch im Dressurreiten längst nicht alles ein ästhetischer Tanz der Pferde ist.

SPORT1: Herr Sandten, Sie sind selbst Moderner Fünfkämpfer, haben den Wettkampf bei Olympia für das Fernsehen live kommentiert. Wie haben Sie die Vorkommnisse um Annika Schleu und das Pferd Saint Boy wahrgenommen?

Matthias Sandten: Ich konnte mich in dem Moment gut in Annika reinversetzen. Sie war ja eigentlich schon Olympiasiegerin. Das Gold konnte ihr nur dieser schwarze Schwan des zugelosten Pferdes nehmen. Als ich gesehen habe, wie sie auf Saint Boy sitzt und das Pferd nicht vorwärts bewegen konnte, war mir klar: da ist der Worst Case eingetreten.

SPORT1: Bundestrainerin Kim Raisner hat Annika Schleu zum Einsatz der Gerte aufgefordert und selbst mit der Faust nach dem Pferd geschlagen. Können sie den Aufschrei der Empörung, der folgte, nachvollziehen?

Sandten: Ich sehe das genauso kritisch. Es ist extrem bitter, dass solche Bilder in dieser Sportart entstehen. Ich habe aber Zweifel, dass sich solche Situationen in Zukunft vermeiden lassen - egal, wie hier nachjustiert werden wird.

SPORT1: Wo lag das konkrete Problem in dieser Situation?

Sandten: Das Pferd war von der Reiterin zuvor noch traumatisiert. Es hätte vielleicht anders kommen können, wenn Annika mehr Zeit zur Verfügung gehabt hätte. Der Tierarzt hätte auch entscheiden können, dass Annika das Pferd tauschen darf. Ich weiß nicht, ob er es nicht gemacht hat, weil er die Notwendigkeit nicht gesehen hat oder weil er nicht für eine zusätzliche Verspätung im Programm sorgen wollte. Dieser Zeitdruck macht das Grundproblem besonders deutlich.

SPORT1: Also hätte mehr Zeit die Situation entschärfen können?

Sandten: Grundsätzlich hat sich die Dynamik im Fünfkampf in den vergangenen Jahren verschärft und dafür gesorgt, dass das Programm immer straffer geworden ist. Früher ging ein Wettkampf über die ganze Woche, dann wurde eine Disziplin pro Tag abgehalten, dann zwei Disziplinen pro Tag. Irgendwann wurde der gesamte Wettkampf an einem Tag durchgezogen, in Tokio erstmals innerhalb von fünf Stunden. Und für Olympia 2024 in Paris soll der Modus nochmal gestrafft werden, dann sollen alle fünf Disziplinen innerhalb von 90 Minuten stattfinden.

SPORT1: Zu Lasten der Pferde?

Sandten: Das Pferd ist das schwächste Glied, das dann zu brechen droht. Manchmal bekommt man sein zugeteiltes Pferd und man spürt, das passt, das ist eine goldene Paarung. Es gibt aber eben oft auch Situationen, wo es nicht passt. Dann reichen 20 Minuten Zeit zur Vorbereitung nicht aus.

SPORT1: Bei vier Disziplinen sind Fünfkämpfer für ihren Erfolg selbst verantwortlich, beim Reiten aber ist es wie eine Lotterie und man ist dem zugelosten Pferd ausgeliefert. Ballt man da nicht manchmal die Faust in der Tasche?

Sandten: Natürlich ist das blöd. Ich war immer ein Freund von ehrlichen Maßstäben.

SPORT1: Wie kann man die gewährleisten?

Sandten: Das ist auch beim Profireiten unmöglich, wo es auch auf die Klasse des Pferdes ankommt. Aber man kann dem im Fünfkampf nahekommen, wenn man für die gebührende Ruhe sorgt. Deshalb bin ich dafür, dass man das Reiten am Vortag macht. Und nicht in so einem großen Stadion. Die brenzligsten Situationen hat es immer bei Olympischen Spielen gegeben, weil die Pferde diese Situation nicht gewöhnt sind. Die Pferde, die beim Fünfkampf zur Verfügung gestellt werden, kennen diese Umstände nicht. Blitzlichter, großes Stadion - das ist Stress pur für ein solches Pferd.

SPORT1: Auch Isabell Werth hat sich nach dem Vorkommnis in Tokio zu Wort gemeldet und Annika Schleu deutlich kritisiert...

Sandten: Was sie gesagt hat, ist auch als Abwehrreaktion zu verstehen. Wenn - wie in Tokio - etwas schiefläuft, werden die Profireiter von Pfeilen aus dem selben Köcher beschossen.

SPORT1: Also ist Isabell Werths Distanzierung nachvollziehbar?

Sandten: Annika Schleu musste sich im Kampf um Gold entscheiden, ob sie dem Pferd Schmerzen zufügt. Man kann sagen, Sporen und Gerte sind Signalgeber, aber im Grunde ist es ein Schmerzreiz. Kein großer, aber man fügt dem Pferd Schmerzen zu, damit es sich so verhält, wie man will. Auch beim Dressurreiten werden Schmerzreize gesetzt, zum Beispiel durch die Kandare im Maul des Pferdes. Ich möchte Isabell Werth nicht kritisieren. Ihre Akribie und Erfolge sprechen für sich und verdienen Respekt. Aber im Grunde geht es beim Reiten grundsätzlich darum, den Willen des Pferdes zu überwinden oder vielleicht auch zu brechen. Das muss man als Basis bei einer Diskussion wissen.

SPORT1: Was bewirkt die Kandare?

Sandten: Die Kandare ist ein festes Maulstück mit zwei Zügeln, wodurch eine Hebelwirkung im Maul aufgebaut werden kann. Das kann dem Pferd mitunter große Schmerzen zufügen. Isabell Werth und alle Profi-Dressurreiter haben so eine feine Hand, die tun dem Pferd damit nicht groß weh. Aber man muss so ehrlich sein, wenn in unteren Bereichen mit Kandare geritten wird, geht das auch mal schief.

SPORT1: Manche Kritiker würden den Reitsport am liebsten ganz abschaffen bzw. aus dem olympischen Programm gestrichen sehen. Was entgegnen Sie diesen Kritikern?

Sandten: Der Reitsport hat nicht nur wie der Moderne Fünfkampf eine lange olympische Historie, sondern auch eine enorm starke Lobby. Reiten wird auf jeden Fall immer olympisch bleiben. Das IOC hat Druck auf die Verbände aufgebaut, die Sportart interessanter zu machen, insbesondere für das Fernsehen. Da muss wieder ein Umdenken stattfinden. Die Verbände werden darauf hinwirken, dass solche Bilder wie in Tokio künftig im Fernsehen nicht mehr zu sehen sein werden. Ob das zu einem größeren Wohlbefinden der Pferde führt, ist zu hinterfragen. Ich würde sagen, kaum merklich. Weil die Pferdeausbildung so bleiben wird, wie sie ist.

Alles zu den Olympischen Spielen 2021 bei SPORT1:


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