Ölspur von Texas in die Welt


So sehr sich die Mitglieder der Organisation erdölexportierender Staaten (Opec) auch kneifen: Der Albtraum des Schieferölbooms hört einfach nicht auf. 2014 hat er den Ölpreis einst einbrechen lassen. Jetzt sorgt der massive Zustrom vom Öl aus den USA dafür, dass er einfach nicht mehr steigen will – trotz Förderkürzungen des Ölkartells.

In Zukunft dürfte es kaum besser werden. Versorgte sich die USA 2014 bisher noch selbst aus den neuen Ölquellen, schwappt nun immer mehr davon auf den Ölmarkt. Die Schieferölförderer greifen die Opec bereits auf ihrem wichtigsten Abnehmermarkt in Asien an. Die Ko-Existenz wird immer mehr zur Konkurrenz – und das ist gewollt.

Der Präsident der USA, Donald Trump, gibt die Marschrichtung vor: Sprach er im Wahlkampf noch von der Energieunabhängigkeit seines Landes, läutete er in der vergangenen Woche überschwänglich eine „neue amerikanische Energiepolitik“ ein. Die Rede ist nicht mehr von Energieunabhängigkeit, der Fokus sei nun auf „Energiedominanz“ gerichtet.

Zugegeben, für ein Land, das mit fast 20 Millionen Barrel pro Tag für ein Fünftel des Weltverbrauchs steht und rein theoretisch gerade einmal die Hälfte dessen selbst produziert, ist das eine ambitionierte Aussage. Doch auf dem Weltmarkt lassen die Amerikaner schon Taten statt Worten sprechen. Exportierten sie im Dezember 2016 gerade einmal 442.000 Barrel pro Tag, sind es heute schon mehr als eine Million. Möglich gemacht hat es allen voran der Vorgänger von Trump, Barack Obama, der 2015 den 40 Jahre alten Exportbann aufhob.


Künftig könnten es noch deutlich mehr werden, wie die Energieanalysefirma Pira Energy laut einem Bericht der Financial Times prognostiziert. Bis zum Jahr 2020 könnten die Exporte auf 2,25 Millionen Barrel pro Tag ansteigen. Wie vehement die USA damit in den Wettbewerb zu den Opec-Staaten treten, zeigt ein Vergleich mit Opec-Mitglied Nigeria. Das Land war mit 2,1 Millionen Barrel pro Tag im vergangenen Jahr der viertgrößte Exporteur des Kartells.

Der amerikanische Ölhistoriker Daniel Yergin spricht angesichts des anhaltenden Booms schon von einem „Schieferölschock“. Auf dem diesjährigen World Petroleum Congress in Istanbul, einem nur alle drei Jahre stattfindenden Elitetreffen der Ölbranche mit wechselnden Veranstaltungsorten, unterstricht er seine drastischen Worte mit nüchternen Fakten: „Vor zehn Jahren wurde in Texas eine Million Barrel Öl pro Tag gefördert. Heute produziert Texas mehr als drei Millionen Barrel pro Tag – und das ist nur ein US-Staat.“ Als die Ölpreise im Jahr 2014 anfingen zu fallen, hätten alle gedacht, dass ein Preis von 70 Dollar die US-Schieferölproduzenten aus dem Geschäft drängen wird. Jetzt erkenne man jedoch, dass dass die Schieferölindustrie auch mit Ölpreisen von 40 bis 50 Dollar gut arbeiten kann.


Yergin ist nicht irgendwer und steht ganz sicher nicht im Verruf, ein Lobbyist für Schieferöl zu sein. Mit seinen präzisen Analysen der Ölgeschichte hat er sich weltweit einen Namen gemacht. Total-Chef Patrick Pouyanné bezeichnet ihn anerkennend als den „Storyteller der Öl- und Gasindustrie“. Auch der Exekutivdirektor der Internationalen Energieagentur (IEA), Faith Birol, erläutert: „In nur sieben Jahren haben die Schieferölproduzenten ein Niveau erreicht, das dem des Iraks entspricht.“


Hoffnungsschimmer bei den Investitionen


Die amerikanischen Schieferölförderer sind ohne Zweifel die großen Gewinner der Förderkürzung von Opec und zehn weiteren Nicht-Opec-Staaten, darunter Russland, die seit Jahresbeginn täglich auf 1,8 Millionen Barrel ihrer Produktion verzichten und dies noch bis Ende März 2018 durchhalten wollen. Ihr Ziel ist es, die hohen Lagervorräte in der Welt auf ein Fünf-Jahres-Durchschnittsniveau abzubauen und so Angebot und Nachfrage am Ölmarkt auszugleichen.

Tatsächlich sanken die Lagervorräte zuletzt – auch in den USA. Doch das ist eben nur die Hälfte der Geschichte. Zugleich ist die Produktion in den USA stark gestiegen und die Exporte sind es eben auch. Der Ölpreis hat sich seit Ende Mai schon auf einem Niveau zwischen 45 und 50 Dollar je Barrel eingependelt. Banken kürzen ihre Prognosen. So kassierte Goldman Sachs jüngst seine Drei-Monats-Prognose von 55 Dollar. Nun gehen die Amerikaner von 47,50 Dollar für ein Fass des nordamerikanischen Leichtöls WTI aus. In einem neuen Report fordern sie die Opec auf, stärker zu kürzen, sonst könne der Preis gar unter 40 Dollar fallen.

Die Konsequenzen des anhaltenden Preisverfalls haben die Ölkonzerne in den vergangenen Jahren mit Milliardenverlusten schon zu spüren bekommen. Um sich nicht weiter ins Elend zu stürzen, haben sie Kosten gekürzt.

Das lässt die Internationale Energieagentur (IEA) Schlimmes befürchten. „Die Industrie fokussiert sich zunehmend auf kurzfristige Projekte“, mahnt der Exekutivdirektor der IEA, Fatih Birol. „Selbst bei ambitionierten Klimazielen müssen die Investitionen in langfristige Öl und Gasprojekte wieder steigen.“


2016 sind die Investitionen in Öl- und Gasprojekte um 26 Prozent eingebrochen, im Jahr zuvor war es ähnlich dramatisch. Bereits vor einigen Monaten hat die IEA gewarnt, dass es infolgedessen bereits ab 2020 zu einem Angebotsengpass beim Öl kommen könnte. Immerhin: In diesem Jahr seien erstmals wieder hoffnungsvolle Signale am Markt zu sehen, erklärt die Pariser Organisation in ihrem World Energy Investment Report 2017. Die Investitionen in das Upstream-Geschäft, also die Förderung, werden voraussichtlich um sechs Prozent steigen. Sie lägen damit bei 460 Milliarden US-Dollar, schätzt die IEA.

Die Pariser wollen das aber nicht als Trendwende verstanden haben. Denn sollte der Ölpreis weiter unter 50 Dollar bleiben, hätten Konzerne bereits weitere Zurückhaltung angekündigt. Was die Erforschung und Erschließung neuer Ölquellen betrifft, bleiben die Zahlen zudem am Boden. Schon 2016 hatten sich die Ausgaben in diesem Bereich im Vergleich zu 2014 auf 60 Milliarden US-Dollar halbiert. Die IEA rechnet 2017 mit einem weiteren Rückgang um sieben Prozent. Dies kann zwar auch Kostensenkungen zugute geschrieben werden. Doch die Zahl neu angeschobener Projekte lag 2016 rund 70 Prozent hinter 2013 zurück.


Die Experten bleiben daher skeptisch, ob die ersten Signale eines sich langsam erholenden Investitionsniveaus auch nachhaltig sein werden. Denn vielerorts halten sich die Ölkonzerne noch immer zurück. In Afrika beispielsweise rechnet die IEA mit einem Minus von neun Prozent. Selbst im mittleren Osten, wo die größten Opec-Staaten mit den niedrigsten Förderkosten liegen, kalkulieren sie nur mit einem mageren Plus von vier Prozent. Die Boomregion für Investitionen? Na klar, die Schieferölbecken in den USA. Dort sollen sie um 53 Prozent steigen.

KONTEXT

Fragen und Antworten zur Entwicklung des Ölpreises

Warum fallen die Preise, obwohl die Opec weniger fördert?

Im Vorfeld der Entscheidung der Opec und ihrer Partnerländer wie Russland waren die Anleger schon auf die Verlängerung der seit Januar geltenden Förderbremse bis März 2018 vorbereitet worden. Einige hatten aber auf eine deutlichere Verlängerung und stärkere Kürzungen spekuliert.

Was bezweckt die Opec mit der niedrigeren Förderung?

Das Kartell und seine Partner, darunter Russland, wollen das Überangebot auf dem Weltmarkt schmälern und damit die Preise stützen. Erklärtes Ziel ist es, die Ölvorräte von einem aktuellen Rekordhoch von drei Milliarden Fässern auf 2,7 Milliarden Fässer zu senken - dem Durchschnitt der letzten fünf Jahre. Das für die Finanzmärkte richtungsweisende Nordseeöl Brent kostet derzeit gut 50 Dollar - im Sommer 2014 war der Preis mit 115 Dollar noch mehr als doppelt so hoch.

Wie wird sich der Preis jetzt entwickeln?

Das hängt davon ab, wie viel Öl tatsächlich vom Weltmarkt verschwindet. Und genau das ist der Haken. Die US-Ölindustrie dürfte in die Bresche springen und die Lücke schließen, die durch den Opec-Beschluss von Donnerstag entsteht.

Gibt es besondere Preis-Marken?

Ja. Umkämpft ist fast jede runde Marke - auch aus psychologischen Gründen. Doch in der Vergangenheit waren stets zwei Preis-Marken wichtig: die 30-Dollar-Marke und die 50-Dollar-Marke. Die erstere wurde Anfang 2016 erstmals seit 2003 wieder unterschritten, was letztlich die Opec auf den Plan rief. Nachdem das Kartell im November erstmals wieder eine Förderkürzung beschloss, kletterte der Preis wieder über 50 Dollar und hat sich seither mehr oder weniger darüber behauptet.

Welche Rolle spielen die US-Ölkonzerne

Die USA machen bei der Förderkürzung nicht mit - dürften sie aus rechtlichen Gründe vermutlich auch gar nicht. In den USA ist die Ölindustrie zudem nicht staatlich organisiert wie in vielen anderen Förderländern. Von Texas bis in die Dakotas feiert das Fracking seit Mitte 2016 ein Comeback. Die US-Ölindustrie pumpt derzeit wieder so viel Öl an die Oberfläche, wie vor einigen Jahren, als die Ölschwemme erstmals die Preise ins Rutschen brachte.

Ist Fracking nicht ein sehr kostspieliges Verfahren?

Ja und nein. Denn während des Preisverfalls der vergangenen beiden Jahre hat die Branche nicht geschlafen. In Texas und anderen US-Regionen sind die Förderkosten inzwischen teilweise so niedrig wie in Nahost. Der technische Fortschritt macht Fracking wieder profitabel. Machten US-Firmen vor einigen Jahren erst ab einem Ölpreis von 60 Dollar Profit, reichen ihnen inzwischen schon 30 Dollar.

Was macht die Opec denn jetzt?

Bis März 2018 kürzt die Opec die Produktion um 1,8 Millionen Barrel täglich. Am 30. November kommen die Mitglieder erneut in Wien zusammen, um die Lage zu beraten. Außerdem wollen sie enger mit den Nicht-Opec-Partnern - sprich Russland - zusammenarbeiten. Saudi-Arabien will zudem seine Exporte in die USA verringern. Doch das ist nicht ohne Risko: Die Opec-Länder und Russland drohen Marktanteile an die US-Ölkonzerne zu verlieren.

Wer sind die größten Ölförderer der Welt?

Die Opec steht für rund ein Drittel des weltweiten Rohöl-Angebots. Neben dem Kartell-Mitglied Saudi-Arabien sind Russland und die USA mit großem Abstand und einer Förderung von je etwa neun bis zehn Millionen Fässern Öl am Tag die größten Ölproduzenten der Welt.

Welche Folgen hätte ein neuerlicher Ölpreisverfall für die Weltwirtschaft?

Wenn der wichtigste Schmierstoff für die Produktion nicht viel kostet, ist das generell gut für die Konjunktur und den Geldbeutel des Verbrauchers, der beim Benzin spart. Aber es gibt auch Kehrseiten - beispielsweise für die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Denn sie kämpft seit Jahren gegen eine zu geringe Inflation, was auf Dauer für die Konjunktur schädlich ist. Erwarten Verbraucher und Firmen fallende Preise, halten sie sich mit Käufen und Investitionen zurück. Der niedrige Ölpreis dämpft zudem in einigen Förderländern die wirtschaftliche Dynamik. Vielerorts werden Investitionen zurückgestellt.