Was den Ölpreis über 80 Dollar treibt

Nach einem weiteren Anstieg der US-Ölreserven fallen die Ölpreise am Donnerstag weiter. Sie lagen bis zu 36 Cent niedriger als am Vortag.


Am Ölmarkt geht es immer weiter aufwärts. Am Donnerstag überstieg der Preis für ein Barrel der Nordseesorte Brent erstmals seit Dezember 2014 wieder die Marke von 80 Dollar. Damals schlitterte der Ölpreis wegen eines Überangebots am Markt von einem Tiefstand zum nächsten. Heute schlägt er in die Gegenrichtung aus. Experten erwarten weitere Hochstände.

Allein in den vergangenen elf Monaten hat sich der Preis für den wichtigsten Rohstoff der Welt um knapp 70 Prozent verteuert. Befeuert wurden Preissprünge von einer stark wachsenden Ölnachfrage, die auf ein künstlich durch das Ölkartell verknapptes Angebot trafen. Zuletzt haben Spekulanten aus Furcht vor geopolitischen Risiken im Nahen Osten, nicht zuletzt vor den Folgen neuer Iran-Sanktionen der USA, den Ölpreis stark getrieben. Allein seit Mitte März, als US-Präsident Donald Trump eine Entscheidung in der Sache ankündigte, verteuerte sich Brentöl um 15 Dollar.

Schon einige Tage lang kratzte Öl an der 80-Dollar-Marke. Den letzten Schub darüber brachten neue Lagerdaten: Laut der Internationalen Energieagentur sind die Ölvorräte in den OECD-Staaten im März erstmals seit drei Jahren wieder unter den Fünf-Jahres-Durchschnitt gefallen. Die Marke ist deshalb wichtig, weil sie die Organisation erdölexportierender Staaten (Opec) als offizielles Ziel für ihre Förderkürzung ausgab. Seit Januar 2017 verzichtet das Ölkartell gemeinsam mit zehn Partnern, darunter Russland, täglich auf insgesamt 1,8 Millionen Fass seiner Ölförderung. Damit wollten sie die hohen Lagerbestände und das zuvor seit 2014 bestehende Überangebot am Ölmarkt ausmerzen.


Da sich die Förderkürzungsallianz daran hielt und die Produktionsausfälle sich in Venezuela in den vergangenen Monat verschärften, wurde dieses Ziel nun erreicht. Am Mittwoch vermeldete die US-Energiestatistikbehörde EIA, dass die Lagerbestände in den USA ebenfalls unter den Fünf-Jahres-Durchschnitt gefallen seien, was für weiteren Auftrieb beim Ölpreis sorgte.

Die IEA mahnt indes vor den Folgen der sprunghaft steigenden Preise. „Es wäre außergewöhnlich, wenn derartige Preissteigerungen die Nachfrage nicht beeinflussen, vor allem, da in einigen Schwellenländern Subventionen gekürzt wurden.“ Die Folgen sollten sich in den kommenden Monaten nicht zuletzt bei der Benzinnachfrage bemerkbar machen.

Derartige Bedenken teilen derzeit aber nur die wenigsten Analysten. Jene der größten Banken gehen, ganz anders, von weiter steigenden Ölpreisen aus. Strategen der Bank of America Merrill Lynch rechnen in der ersten Jahreshälfte 2019 schon mit 90 Dollar. Sofern die Opec und Russland – also jene Länder, die aufgrund ihrer Förderkürzungen kurzfristig ihre Produktion steigern könnten – nicht reagieren, könne der Preis im nächsten Jahr sogar auf 100 Dollar steigen. Die Analysten seien jedoch „besorgt, dass sich diese Marktdynamik innerhalb einer kürzeren Zeitspanne entwickeln könnte“, heißt es in einem Bericht.

Wie groß die Folgen der neuen US-Sanktionen gegen den Iran werden, lässt sich noch nicht abschätzen. Als sehr wahrscheinlich gilt aber, dass die Ölexporte des Landes, die sich zuletzt auf 2,6 Millionen Fass pro Tag summierten, betroffen sind. Die Spanne der Schätzungen reicht von 100.000 bis eine Million Fass täglich. Doch selbst wenn die iranischen Exporte nur um 200.000 bis 300.000 Fass täglich fielen, sei es unwahrscheinlich, dass die Opec oder andere Staaten die Menge am Markt ausgleichen, glaubt das Analystenteam von Goldman Sachs um Jeff Currie. Selbst die Schieferölproduktion in den USA, die in den vergangenen Monaten weiter stark zugelegt hat, könne das Problem kurzfristig nicht lösen.


Derzeit sei die Förderung so stark gestiegen, dass die Pipeline-Kapazitäten in den Schieferölbecken nicht ausreichen, um das Öl abzutransportieren. Bis zum Sommer rechnet Goldman Sachs damit, dass die globale Ölnachfrage weit steigt, auf dann über 100 Millionen Fass pro Tag. Da die Förderkürzungsallianz aber nicht reagieren werde, dürfte das Angebotsdefizit am Markt zugleich auf eine Million Barrel schnellen. Die Folge: Weiter steigende Preise.

Dass die hohen Preise das weltweite Ölnachfragewachstum abwürgen könnte, glauben die Goldman-Banker vorerst nicht. Das Wachstum des globalen Bruttoinlandproduktes müsste auf 2,5 Prozent abstürzen, damit Angebot und Nachfrage am Ölmarkt ausgeglichen würden, rechnen die Analysten vor. Derzeit geht der Internationale Währungsfonds von einem Jahreswachstum bei 3,9 Prozent aus.

Morgan Stanley rechnet in den kommenden Jahren indes mit einem weiteren Preistreiber: Gemäß einer Verordnung der International Maritime Organization (IMO) muss die Schiffart ab 2020 auf weniger schwefelhaltige Treibstoffe umsteigen. Das werde den Bedarf nach mittleren Destillaten wie Diesel stark steigen lassen, glaubt Analyst Martijn Rats. In der Folge wird mehr Rohöl benötigt. Angesichts der aktuell niedrigen Investitionsbereitschaft der Ölkonzerne sei es aber unwahrscheinlich, dass das Angebot mit der Nachfrage Schritt hält. „Wir rechnen damit, dass der Rohölmarkt unterversorgt bleibt und die Lagerbestände weiter zurückgehen. Das wird die Preise stützen“, sagt Rats. Seine Ölpreis-Prognose für 2020 liegt bei 90 Dollar.

Zugleich lässt sich nicht ausschließen, dass die Preise schneller steigen. Denn bislang deutet wenig darauf hin, dass die Kürzungsallianz aus Opec und zehn weiteren Staaten von seiner Strategie ablässt. Zwar haben sie ihr Ziel erreicht und die einst prall gefüllten Öllager wieder unter den Fünf-Jahres-Schnitt gebracht. Doch die kurzfristigen, spekulativen Preissprünge seien noch nicht genug, um die Strategie aufzugeben, heißt es in Medienberichten. Die Opec hat ihr Ziel verändert: Ging es zunächst um Lagerniveaus, nimmt sie nun das Investmentniveau ins Visier. Mit 32 habe sich die Zahl der Projekte, für die eine Investitionsentscheidung fiel, im Jahr 2017 zwar verdoppelt, stellt die Energieanalysefirma Wood Mackenzie fest. Der Opec ist das aber noch nicht genug.
Ein genaues Maß, wann genug investiert wird, hat die Opec bislang nicht genannt. Erst in einem Monat kommt das Kartell zum nächsten regulären Treffen in Wien zusammen. Vorerst bleibt also noch reichlich Spielraum für weitere Ölpreisspekulationen.

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