Ölfonds streicht Ölaktien von seiner Liste


Es klingt merkwürdig: Der größte Staatsfonds der Welt, der norwegische Ölfonds, will sich von seinen Investitionen in der Öl- und Gasindustrie verabschieden. Dabei hat der Fonds, der derzeit mehr als 8200 Milliarden Kronen (845 Milliarden Euro) verwaltet, den Großteil seines Anlagekapitals aus dem staatlich kontrollierten Teil des norwegischen Öl- und Gasgeschäfts bezogen.

Das man sich nun gerade aus diesem Bereich zurückziehen will, liegt an dem Risiko, das die Fondsverwalter in den Ölpreisschwankungen sehen. Die norwegische Zentralbank, unter deren Aufsicht der Fonds arbeitet, hat einen entsprechenden Vorschlag jetzt dem Finanzministerium vorgelegt. „Es ist ein Vorschlag, von wir meinen, das er das Risiko für das staatliche Vermögen durch Schwankungen des Ölpreises verringert“, erklärte der stellvertretende Zentralbankchef Egil Matsen in Oslo.

Obwohl der Staatsfonds nur rund 5,5 Prozent seines Kapitals in Öl- und Gasaktien investiert hat, ist die Abhängigkeit vom Ölpreis dennoch sehr hoch. Denn der Staat ist mit 67 Prozent am größten norwegischen Unternehmen, dem Öl-Riesen Statoil, beteiligt. Außerdem fließen jährlich Milliardenbeträge aus den staatlichen Anteilen der Öl- und Gasfelder vor der norwegischen Küste in den Fonds.



Noch ist nicht klar, wann der Vorschlag der Zentralbank in die Tat umgesetzt wird. Zunächst muss das Finanzministerium über die Vorlage beraten. Danach wird sich die Regierung damit beschäftigen und entscheiden, ob eine Änderung der Anlagerichtlinien auch einen parlamentarischen Beschluss benötigt. „Die Problemstellung, die die norwegische Zentralbank formuliert hat, ist sehr umfassend und vielseitig“, erklärte Finanzministerin Siv Jensen. Es wird in Oslo deshalb nicht damit gerechnet, dass ein endgültiger Beschluss vor Sommer kommenden Jahres gefasst wird.

Derzeit hat der Staatsfonds 287 Milliarden Kronen in Aktien von Öl- und Gasunternehmen investiert. Bei einer Reihe von internationalen Energiekonzernen gehört der norwegische Ölfonds zu den größten Investoren. So hält er an Shell 2,3 Prozent. Es ist das drittgrößte Investment des Staatsfonds überhaupt. Bei BP ist er mit 1,7 Prozent beteiligt, bei Chevron mit 0,9 Prozent und bei Exxon Mobil mit 0,8 Prozent. Außerdem halten die Norweger größere Anteile an der brasilianischen Petrobras, der mexikanischen Pemex, der italienischen ENI, der spanischen Repsol, der französischen Total sowie an den russischen Ölkonzernen Lukoil und Gazprom.



Die Anlagestrategie beruht auf Vorgaben der norwegischen Regierung. Erst kürzlich hat der Fonds die Erlaubnis erhalten, seine Investments in Aktien um zehn Prozentpunkte auf nunmehr 70 Prozent zu erhöhen. Fonds-Chef Yngve Slyngstad hatte das vorgeschlagen, um die wegen der Niedrigzinsen niedrigen Renditen bei Staatsanleihen auszugleichen zu können. 25 Prozent dürfen in Staatsanleihen angelegt werden, fünf Prozent in Immobilien.

Dem Fonds gehören 1,3 Prozent sämtlicher weltweit ausgegebener Aktien und 2,5 Prozent der europäischen. In Deutschland hält der Fonds 4,1 Prozent an den Dax-Unternehmen. Der Fonds, so hat das Finanzministerium in Oslo entschieden, darf seinen Anteil an einem einzigen Unternehmen nie über zehn Prozent steigern und auch nicht im Inland investieren, um eine Überhitzung der einheimischen Wirtschaft zu verhindern.
Insgesamt ist der Fonds an 9000 Unternehmen in 77 Ländern beteiligt.



Kohleverstromung gilt als Klimakiller

Kein Wunder also, dass der Fonds zu den Machtfaktoren auf Finanz- und Unternehmensmärkten zählt. Und das haben schon Länder und Unternehmen zu spüren bekommen: Denn in den vergangenen Jahren hat der Ölfonds wegen seiner vom norwegischen Finanzministerium vorgegeben ethischen Anlagestrategie immer wieder für internationale Schlagzeilen gesorgt. So beschloss der Finanzausschuss des norwegischen Parlaments, unter dessen Aufsicht der Pensionsfonds steht, dass sich der Fonds aus Energie- und Bergbauunternehmen zurückziehen muss, wenn das Kohlegeschäft mehr als 30 Prozent des Umsatzes ausmacht.



Da die Kohleverstromung als Klimakiller gilt, soll der Fonds, der den strengen ethischen Regeln zu folgen hat, seine Investitionen in diesem Bereich zurückfahren. Auch Rüstungsunternehmen und Tabakkonzerne sind als Anlageobjekte seit Längerem tabu.

Zwar haben Umweltschutzorganisationen wie der WWF, Greenpeace und Friends of the Earth den jetzigen Vorstoß der Zentralbank begrüßt, doch der erwünschte Ausstieg aus Öl- und Gasaktien hat nach Aussagen von Vize-Zentralbankchef Matsen nichts mit dem Klimaschutz zu tun. „Der Vorschlag basiert ausschließlich auf einer möglichen Risiko-Verminderung“, so Matsen.

Dennoch gaben die Aktien der großen Öl- und Gaskonzerne nach Bekanntwerden des Vorschlags nach: Shell verlor 0,5 Prozent, BP gab 0,4 Prozent nach, und ENI büßte ein Prozent ein. Der europäische Branchenindex der Öl- und Gasindustrie schloss mit einem Minus von 0,5 Prozent auf dem tiefsten Stand seit einem Monat.



Der Fonds wurde 1996 eingerichtet, um den Wohlfahrtsstaat auch nach dem Versiegen der Öl- und Gasquellen finanzieren zu können. In den Fonds fließen die staatlichen Einnahmen aus dem Ölgeschäft des Landes. Der Ölfonds soll ebenso den Staatshaushalt in der Balance halten. Bislang wurden reale Erträge von vier Prozent im Haushalt eingeplant. Mittlerweile ist diese Quote auf drei Prozent gesunken. Einnahmen, die darüber hinausgehen, werden akkumuliert.

Und deshalb tickt der Einnahmezähler auf der Hompepage des Ölfonds unaufhaltsam weiter – nach oben. Damit das so bleibt, wollen die Fonds-Manager aus dem ihrer Meinung nach volatilen Öl- und Gasgeschäft aussteigen.

KONTEXT

Die größten Staatsfonds der Welt

Wo Geld langfristig angelegt werden soll

Sie horten Devisen oder gehören zu den größten Einzelanteilseignern von Konzernen: Staatsfonds. Der Marktführer etwa hält allein 1,3 Prozent an den börsennotierten Unternehmen der Welt. Einmal im Jahr gibt das Sovereign Wealth Fund Institute ein Ranking über die größten Staatsfonds heraus. Dies sind die Ergebnisse.

Stand: 31. Dezember 2015

"Statens pensjonsfond utland" (Norwegen)

Der "Statens pensjonsfond utland", wie der norwegische Staatsfonds offiziell heißt, ist mit einem Volumen von 824,9 Milliarden Dollar der weltweit größte seiner Art. Der Fonds wurde 1990 gegründet, um den Wohlstand der Nation aus dem Ölgewerbe für zukünftige Generationen zu erhalten. Deshalb wird er inoffiziell auch "Ölfonds" genannt. 60 Prozent des Vermögens sind in Aktien, 35 Prozent in Zinspapieren und fünf Prozent in Eigentum wie Immobilien investiert.

Abu Dhabi Investment Authority

Ölreichtum ist auch der Hintergrund für den zweitgrößten Staatsfonds der Welt, die Abu Dhabi Investment Authority. Dessen Ziel ist es, über breit gestreute Investments in Aktien, Immobilien oder etwa Hedgefonds für die Zeit nach dem fossilen Zeitalter vorzusorgen.

Wert: 773 Milliarden Dollar

China Investment Corporation

Dieser chinesische Staatsfonds wurde 2007 gegründet, um einen Teil der riesigen Devisenreserven des Landes zu managen und beispielsweise in ausländische Firmen zu investieren. Von einst 200 Milliarden US-Dollar in seinem Gründungsjahr wuchs der CIC bis Ende 2015 auf 746,7 Milliarden US-Dollar an.

SAMA Foreign Holdings (Saudi-Arabien)

In dem Foreign Holdings-Fonds verwaltet die saudische Zentralbank "Saudi Arabien Monetary Agency" die Einkommen aus der Ölindustrie des Staates. Fondsvolumen Ende 2015: 668,6 Milliarden Dollar.

Kuwait Investment Authority

Auch der arabische Staat Kuwait möchte seine Einnahmen aus dem Öl möglichst gewinnbringend anlegen - und diversifiziert seine Investments an den internationalen Märkten. Das Volumen des Fonds beträgt 592 Milliarden Dollar. Einen Teil davon hat Kuwait bei einem deutschen Autobauer angelegt: Kuwait hält 6,8 Prozent der Anteile an Daimler.

SAFE Investment Company (China)

Am liebsten sicher möchte China sein Geld anlegen, wie das Akronym vermuten lässt. Dahinter verbirgt sich die "State Administration of Foreign Exchange". Diese unterhält eine Tochtergesellschaft in Hongkong, die SAFE Investment Company, welche sich wie auch schon die China Investment Corporation um die Anlage der Devisenreserven des Landes kümmern soll. Das Volumen des zweitgrößten chinesischen Staatsfonds wird auf 547 Milliarden Dollar geschätzt.

Hong Kong Monetary Authority Investment Portfolio

Der Exchange Fund, ein Vorläufer des Fonds, wurde bereits im Jahr 1935 gegründet. Knapp 60 Jahre später, 1993, wurde schließlich die Hong Kong Monetary Authority gegründet, welche den Fonds managt. Ende 2015 wachte verfügte der über 417,9 Milliarden Dollar. Diese werden vor allem in die Hongkonger Börse Hang Seng investiert.

GIC Privat Limited (Singapur)

Der größte Staatsfonds Singapurs wurde bereits im Jahre 1981 gegründet. Zuletzt wachte er über eine Anlagevermögen von 344 Milliarden Dollar. Die Summe teilt sich auf gleich drei einzelne Fonds, die alle von der Mutter verwaltet werden. International deutlich bekannter ist indes der Singapurer Staatsfonds Temasek. Der landet mit einem Volumen von "nur" 193,6 Milliarden Dollar lediglich auf Rang 11 der weltweit größten seiner Art.

Qatar Investment Authority

Das kleine Emirat Qatar am persischen Golf erfreut sich großer Öl- und Gasressourcen. Um den Gewinn daraus möglichst langfristig anzulegen, wurde 2005 die Qatar Investment Authority gegründet. Sie wacht über 256 Milliarden Dollar. Die für Deutsche wohl bekannteste Beteiligung besitzt die Investmentgesellschaft an Volkswagen: Insgesamt 17 Prozent hält der Staatsfonds über die Qatar Holding LLC am Wolfsburger Konzern.

National Social Security Fund (China)

Die Top Ten der größten Staatsfonds der Welt rundet ein chinesischer Fonds ab. Der National Social Security Fund wurde 2000 gegründet, um die Anlagen der sozialen Leistungen zu verwalten. Sein Volumen beträgt 236 Milliarden Dollar. Damit stammen von den zehn größten Staatsfonds der Welt gleich vier aus dem Reich der Mitte - das Hong Kong Monetary Authority Investment Portfolio inbegriffen.