Was Öl-Anleihen zum Geheimtipp macht

Anleger mussten zuletzt Kursverluste bei Schwellenländer-Anleihen verkraften. Doch nun halten Fondsmanager die Papiere wieder für attraktiv.

Wenn Sergio Trigo Paz über Schwellenländer-Anleihen spricht, zieht er gern den Vergleich zu Dating-Apps wie „OkCupid“ oder „Tinder“. Denn die Profilbilder der Nutzer sind häufig positiver als die Realität. Und der Chefanlagestratege für Schwellenländer-Anleihen beim Vermögensverwalter Blackrock sagt: Einer ähnlichen Illusion sind in der Vergangenheit auch viele Investoren aufgesessen.

Denn die expansive Geldpolitik der US-Notenbank Fed hat seit 2009 die Renditen in den Schwellenländern gedrückt. „Plötzlich sah es so aus, als seien Investments in diesen Ländern völlig risikolos“, sagt Paz. Wer sich von der vermeintlich sicheren Anlage verführen ließ, den traf die Realität hart: Die jüngsten Zinserhöhungen der Fed sorgten für einen Kapitalabfluss aus Schwellenländern. Die Risikoaufschläge von Brasilien, Russland, Indien, China und Co. stiegen, die Kurse der Staatsanleihen stürzten ab.

Auch der breit angelegte „iShares JP Morgan Emerging Markets Bond ETF“ verlor auf Jahressicht rund sechs Prozent – ein deutlicher Einbruch für einen passiven Anleihefonds. „Wer im vergangenen Jahr eingestiegen ist, könnte enttäuscht worden sein. Wie bei einem Date, bei dem man vorher nur das Profilbild kennt“, sagt Paz.


Doch aus seiner Sicht ist die Kurskorrektur bei Schwellenländer-Bonds überstanden – und das Segment für Investoren wieder attraktiv. „Anleger erhalten für das Risiko, das sie eingehen, wieder eine angemessene Rendite“, sagt er. Er empfiehlt, besonders eine Länderkategorie im Blick zu behalten: Ölexporteure. „Sie haben Dollar-Einnahmen und profitieren derzeit von den hohen Rohstoffpreisen.“

Denn auch wenn US-Präsident Donald Trump die Opec immer wieder harsch für hohe Ölpreise kritisiert: Experten erwarten, dass das Förderkartell versucht, den Preis mittelfristig zwischen 70 und 80 Dollar pro Barrel zu stabilisieren. Da Ölgeschäfte in der US-Währung abgewickelt werden, bedeutet das für Länder, die mehr Öl ausführen, als sie importieren: Sie erhalten Devisen, mit denen sie ihre in Dollar notierten Anleihen bedienen können. Dadurch sinkt die Gefahr, dass diese Länder bei einer überraschenden Dollar-Aufwertung in die Schuldenfalle rutschen.

Golfstaaten werden häufig untergewichtet

Trotz dieser Sicherheit sind Ölexporteure immer noch Exoten in vielen Anleiheportfolios. Der weltgrößte Ölförderer Saudi-Arabien wird erst seit Kurzem vom Indexanbieter MSCI als Schwellenland eingestuft. Im „iShares JP Morgan Emerging Markets Bond ETF“ gehören mit Russland, Mexiko, Brasilien und Kolumbien nur vier Netto-Ölexporteure zu den größten Posten im Portfolio.

„Viele Investoren gewichten die Golfstaaten unter“, heißt es in einer Studie von Dino Kronfol, beim US-Vermögensverwalter Franklin Templeton für die Anleihestrategie für den Mittleren Osten und Nordafrika zuständig. Im Golfkooperationsrat, englisch „Gulf Cooperation Council“ (GCC), haben sich Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Katar, Oman, Kuwait und Bahrain zusammengeschlossen.


Die Anleihen dieser Länder bündelt etwa der Bloomberg Barclays GCC USD Credit Index. Die Wertentwicklung der GCC-Bonds bestätigt, was auch Blackrock-Stratege Paz für den Vorzug der Ölexporteure hält: stabile Erträge bei überschaubarem Risiko.

So lieferten GCC-Bonds den Anleiheexperten von Franklin Templeton zufolge in den vergangenen fünf Jahren zwar nur eine jährliche Rendite von rund drei Prozent. Der breit gestreute Emerging-Markets-Anleiheindex von JP Morgan schaffte im selben Zeitraum knapp 4,7 Prozent jährlich. Allerdings war die als Kennziffer für Risiko verwendete Standardabweichung bei den Ölexporteuren um die Hälfte niedriger.

Zudem haben sich GCC-Bonds als besonders krisenfest erwiesen, die Franklin-Templeton-Analyse zeigt: Während der Schwellenland-Währungskrise im Jahr 2014 notierte auch der JP-Morgan-Index für Schwellenländer-Anleihen knapp vier Prozent im Minus. GCC-Bonds lagen mit 0,37 Prozent im gleichen Zeitraum leicht im Plus.

Selbst den Einbruch der Ölpreise zwischen 2014 und 2015 überstand der Anleiheindex der Golfstaaten mit einem Plus von 2,25 Prozent. Dennoch werden die Anleihen von den großen Indexanbietern bislang kaum beachtet: Der Anteil der Golfstaaten am JP Morgan Emerging Markets Bond Index liegt bei nur rund zwei Prozent.

Kapitalmarkt-Neulinge

Die Zurückhaltung der Anleger bei den großen Ölexporteuren hängt auch mit der erst kurzen Historie der Länder am Kapitalmarkt zusammen. Denn lange Zeit finanzierten sich Länder wie Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate oder Katar weitgehend selbst.

Zwischen 2005 und 2015 gaben die Golfstaaten und Unternehmen aus der Region nur Anleihen mit einem Volumen von jährlich zehn bis 30 Milliarden US-Dollar aus. Erst seit Kurzem zapfen die Golfstaaten verstärkt den internationalen Kapitalmarkt an: 2016 und 2017 lagen die Anleiheemissionen in der Region jeweils über 60 Milliarden Dollar.


Zwar haben die Golfstaaten mit den neuen Schulden auch Ausgaben für staatliche Wohltaten finanziert, die sie wegen der niedrigen Ölpreise zwischen 2014 und 2017 sonst nicht hätten stemmen können. Dennoch verweist etwa Franklin-Templeton-Experte Kronfol auf Strukturreformen der Länder. So investiert etwa Saudi-Arabien Hunderte Milliarden Dollar in das Technologieprojekt „Neom“, um unabhängiger vom Öl zu werden. Viele Golfstaaten kappen ihre Subventionen etwa für Wasser und Benzin.

Für Dollar-Anleihen von Ölexporteuren spricht das Gleiche wie für Schwellenländer-Anleihen insgesamt: „Die Volkswirtschaften wachsen weiterhin deutlich schneller als ihre Pendants in den Industrieländern“, sagt auch Marie Cardoen von Goldman Sachs Asset Management.

Die gute demografische Entwicklung und der niedrige Verschuldungsgrad vieler dieser Länder würden ebenfalls für die Anlageklasse sprechen. Daher hält Blackrock-Experte Paz selbst riskantere Titel wie Anleihen von Angola, Kolumbien oder Kasachstan für interessant.

Ein weiterer Vorteil der Dollar-Anleihen: Anleger aus dem Euro-Raum profitieren von der aktuellen Stärke des Greenbacks. Denn wenn der Dollar aufwertet, steigt auch die Rendite in Euro gerechnet. Um beim Dating-App-Vergleich zu bleiben, sagt Paz daher: „Nun zeigt sich die natürliche Schönheit der Schwellenland-Anleihen.“