Öl-Allianz verlängert Förderbremse bis Ende 2018

Das Ölkartell und seine Partner werden bis Ende 2018 aktiv in den Ölmarkt eingreifen. Nachdem der Ölpreis in den vergangenen Monaten bereits angestiegen ist, warnen Experten vor einer Überhitzung. Die Opec kümmert es nicht.


Von einem goldenen Jubiläum ist der erste Geburtstag eigentlich gefühlte Lichtjahre entfernt. Die Organisation erdölexportierender Staaten (Opec) feiert das einjährige Bestehen seiner Allianz mit zehn weiteren Ölförderländern, darunter Russland, trotzdem mit goldenen Schriftzügen und zahlreichen Ruhmesworten für sich selbst.

Gefeiert wird die Förderkürzung, die vor genau einem Jahr beschlossen wurde und seit Jahresbeginn umgesetzt wird. Nach dem Treffen am Donnerstag steht fest: Es wird wohl auch ein zweites Jubiläum geben. Denn die Allianz aus Opec und zehn Partnern hat sein Abkommen bis Ende 2018 verlängert. Ursprünglich sollte es Ende März auslaufen.

Die Abkommenspartner entziehen dem Ölmarkt täglich 1,8 Millionen Barrel Öl, ungefähr zwei Prozent des Angebots. Damit wollen sie den Ölmarkt stabilisieren und vor allem die zuletzt noch immer hohen Lagerbestände auf einen Fünf-Jahres-Durchschnitt reduzieren. Insgesamt produziert die Förderallianz etwas weniger als die Hälfte des weltweiten Angebots.

Entgegen der Erwartungen setzt das für seine Meinungsverschiedenheiten bekannte Kartell seine Kürzungen überraschend gut um. Die Opec kommt voran: Im Vergleich zum Mai habe sich der Abstand zum Fünf-Jahres-Schnitt der OECD-Lagerbestände auf 140 Millionen Barrel halbiert, erklärt Khalid Al-Falih, der saudische Ölminister und amtierende Opec-Präsident.


Experten rechnen dies zwar ebenso der gestiegenen Nachfrage und fallender Produktion in Ländern wie Mexiko und China zu. Die Opec hat in den vergangenen Wochen aber jede Gelegenheit genutzt, um ihre Erfolge zu feiern. Zugleich hat sie schon seit Wochen angekündigt, den Deal zu verlängern. Den Ölpreis hat das in zuletzt unbekannte Höhen getrieben. Ein Barrel der Nordseesorte Brent kostet wieder 63 Dollar – so viel seit zwei Jahren nicht und mehr als 40 Prozent mehr als noch im August.

Obwohl sich die Verlängerung seit längerem abgezeichnet hat, gab es unter den beiden maßgeblichen Ländern für das Abkommen in den Tagen vor der Sitzung am Donnerstag viel Diskussionsbedarf über die Details. Während Saudi-Arabien für eine neunmonatige Verlängerung bis Ende 2018 plädierte, verlangte Russland zunächst eine kürzere Dauer von nur sechs Monaten – und eine Strategie für den Austritt aus den Kürzungen. Denn treibt es die Opec zu weit, drohen stark steigende Ölpreise, was wiederum die Nachfrage schwächt.

Manche Analysten fürchten schon, dass der Markt überhitzt: „Mir kommt der Verdacht auf, dass die Opec nicht mehr nur eine Normalisierung der Lagerbestände anstrebt, sondern auch einen gewissen Gefallen an dem hohen Preis gefunden hat“, sagt Jan Edelmann, Öl-Analyst der HSH Nordbank. Das Kartell reagiert auf die Bedenken, wenn auch nur sehr vage: Sollte der Markt zu überhitzen drohen, könnte das Abkommen frühzeitig aufgekündigt werden, erklärten die Kürzungspartner.

Wie das geschehen soll, bleibt aber unklar. Und so moniert Alexander Nowak, der russische Ölminister auch: „Wir müssen uns für 2018 eine Strategie überlegen.“


Das Problem für die Opec ist nicht nur in einer schwächeren Nachfrage zu finden, falls die Preise zu stark steigen, sondern auch in der zunehmenden Konkurrenz. Was passieren kann, hat dieses erste Jahr der Förderkürzungen eindrücklich gezeigt: Dank der gestiegenen Preise wurde die Förderung neuen Öls für die Schieferölproduzenten in den USA wesentlich attraktiver. Allein in diesem Jahr konnte sie ihre Produktion um 800.000 Barrel auf 6,1 Millionen Barrel pro Tag erhöhen. Insgesamt produzieren die USA 9,6 Millionen Barrel Öl.

„Falls die Produzenten in den USA ihre Förderung dank steigender Ölpreise erneut ausweiten, rechne ich mit einem erneuten Preiskollaps bis Ende 2018“, sagt Scott Sheffield, Chef des Schieferölunternehmens Pioneer Natural Resources der Nachrichtenagentur Reuters. Er appelliert an seine Mitstreiter, die steigenden Gewinne lieber in höhere Dividendenzahlungen als neue Produktion zu investieren.


Fraglich ist, ob er sich damit die Konkurrenz vom Hals halten kann. Martijn Rats, der Chef-Ölstratege der US-Bank Morgan Stanley glaubt jedenfalls, dass die Schieferölindustrie noch „bedeutend wachsen“ kann: „Wir rechnen damit, dass sie ihre Produktion im kommenden Jahr um bis zu eine Million Barrel steigern wird“, sagt er dem Handelsblatt. Denn so groß werde ungefähr die Nachfragelücke sein, die am Markt entsteht.

Die Opec dürfte daher vorübergehend die Profite steigender Preise gewinnen – aber Marktanteile verlieren.

Einen konkreten Plan, wie die Opec aus dieser Zwickmühle herauskommt, gibt es offenbar noch nicht. Das zeigen nicht nur Nowaks mahnende Worte, sondern auch die Einstellung seines saudischen Kollegen Al-Falih. Vor dem Treffen erklärte er unmissverständlich, dass es noch zu früh sei, um über einen Ausstieg aus der Förderkürzung zu spekulieren. Fraglich, ob die Stimmung beim zweiten Geburtstag der Kürzungsallianz dann immer noch so heiter ist, wie an diesem Tag in Wien.

KONTEXT

Fragen und Antworten zur Entwicklung des Ölpreises

Warum fallen die Preise, obwohl die Opec weniger fördert?

Im Vorfeld der Entscheidung der Opec und ihrer Partnerländer wie Russland waren die Anleger schon auf die Verlängerung der seit Januar geltenden Förderbremse bis März 2018 vorbereitet worden. Einige hatten aber auf eine deutlichere Verlängerung und stärkere Kürzungen spekuliert.

Was bezweckt die Opec mit der niedrigeren Förderung?

Das Kartell und seine Partner, darunter Russland, wollen das Überangebot auf dem Weltmarkt schmälern und damit die Preise stützen. Erklärtes Ziel ist es, die Ölvorräte von einem aktuellen Rekordhoch von drei Milliarden Fässern auf 2,7 Milliarden Fässer zu senken - dem Durchschnitt der letzten fünf Jahre. Das für die Finanzmärkte richtungsweisende Nordseeöl Brent kostet derzeit gut 50 Dollar - im Sommer 2014 war der Preis mit 115 Dollar noch mehr als doppelt so hoch.

Wie wird sich der Preis jetzt entwickeln?

Das hängt davon ab, wie viel Öl tatsächlich vom Weltmarkt verschwindet. Und genau das ist der Haken. Die US-Ölindustrie dürfte in die Bresche springen und die Lücke schließen, die durch den Opec-Beschluss von Donnerstag entsteht.

Gibt es besondere Preis-Marken?

Ja. Umkämpft ist fast jede runde Marke - auch aus psychologischen Gründen. Doch in der Vergangenheit waren stets zwei Preis-Marken wichtig: die 30-Dollar-Marke und die 50-Dollar-Marke. Die erstere wurde Anfang 2016 erstmals seit 2003 wieder unterschritten, was letztlich die Opec auf den Plan rief. Nachdem das Kartell im November erstmals wieder eine Förderkürzung beschloss, kletterte der Preis wieder über 50 Dollar und hat sich seither mehr oder weniger darüber behauptet.

Welche Rolle spielen die US-Ölkonzerne

Die USA machen bei der Förderkürzung nicht mit - dürften sie aus rechtlichen Gründe vermutlich auch gar nicht. In den USA ist die Ölindustrie zudem nicht staatlich organisiert wie in vielen anderen Förderländern. Von Texas bis in die Dakotas feiert das Fracking seit Mitte 2016 ein Comeback. Die US-Ölindustrie pumpt derzeit wieder so viel Öl an die Oberfläche, wie vor einigen Jahren, als die Ölschwemme erstmals die Preise ins Rutschen brachte.

Ist Fracking nicht ein sehr kostspieliges Verfahren?

Ja und nein. Denn während des Preisverfalls der vergangenen beiden Jahre hat die Branche nicht geschlafen. In Texas und anderen US-Regionen sind die Förderkosten inzwischen teilweise so niedrig wie in Nahost. Der technische Fortschritt macht Fracking wieder profitabel. Machten US-Firmen vor einigen Jahren erst ab einem Ölpreis von 60 Dollar Profit, reichen ihnen inzwischen schon 30 Dollar.

Was macht die Opec denn jetzt?

Bis März 2018 kürzt die Opec die Produktion um 1,8 Millionen Barrel täglich. Am 30. November kommen die Mitglieder erneut in Wien zusammen, um die Lage zu beraten. Außerdem wollen sie enger mit den Nicht-Opec-Partnern - sprich Russland - zusammenarbeiten. Saudi-Arabien will zudem seine Exporte in die USA verringern. Doch das ist nicht ohne Risko: Die Opec-Länder und Russland drohen Marktanteile an die US-Ölkonzerne zu verlieren.

Wer sind die größten Ölförderer der Welt?

Die Opec steht für rund ein Drittel des weltweiten Rohöl-Angebots. Neben dem Kartell-Mitglied Saudi-Arabien sind Russland und die USA mit großem Abstand und einer Förderung von je etwa neun bis zehn Millionen Fässern Öl am Tag die größten Ölproduzenten der Welt.

Welche Folgen hätte ein neuerlicher Ölpreisverfall für die Weltwirtschaft?

Wenn der wichtigste Schmierstoff für die Produktion nicht viel kostet, ist das generell gut für die Konjunktur und den Geldbeutel des Verbrauchers, der beim Benzin spart. Aber es gibt auch Kehrseiten - beispielsweise für die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Denn sie kämpft seit Jahren gegen eine zu geringe Inflation, was auf Dauer für die Konjunktur schädlich ist. Erwarten Verbraucher und Firmen fallende Preise, halten sie sich mit Käufen und Investitionen zurück. Der niedrige Ölpreis dämpft zudem in einigen Förderländern die wirtschaftliche Dynamik. Vielerorts werden Investitionen zurückgestellt.