Ökonomen-Stimmen zur neuen geldpolitischen Strategie der EZB

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FRANKFURT (dpa-AFX) - Die Europäische Zentralbank (EZB) hat die Ergebnisse der Überprüfung ihrer geldpolitischen Strategie veröffentlicht. Sie strebt künftig für den Euroraum eine jährliche Teuerungsrate von zwei Prozent an, wie die Notenbank am Donnerstag in Frankfurt mitteilte. Das ist etwas höher als die bisher veranschlagten "unter, aber nahe zwei Prozent". Sie will zudem zumindest zeitweise "moderat über dem Zielwert" liegende Inflationsraten akzeptieren. Gleichzeitig veröffentlichte sie auch ihren Aktionsplan zum Klimaschutz.

Ökonomen zu den Entscheidungen der EZB:

Ulrich Kater, Chefvolkswirt Dekabank:

"Am augenfälligsten ist die neue Symmetrie des Inflationsziels, das bedeutet, dass Abweichungen nach oben und nach unten gleich dringlich behandelt werden sollen. Durch die Hintertür hat die EZB allerdings eine Asymmetrie eingebaut: Bei Unterschreitungen kann zur Wiederherstellung eines Inflationspuffers hin zur Nulllinie danach sogar ein Überschreiten der Zwei-Prozent-Marke akzeptiert werden. An dieser Stelle ist die Strategie windelweich, denn bei der Entscheidung, ob und welche Überschreitungen akzeptiert werden, gibt sich die EZB maximale Flexibilität. Dies reflektiert die vorherrschenden Meinungsunterschiede im Zentralbankrat, mindert allerdings die Einschätzbarkeit der Geldpolitik."

Jörg Krämer, Chefvolkswirt Commerzbank

"Wie erwartet hat sie ihr Inflationsziel von knapp auf glatt zwei Prozent angehoben, wobei sie es symmetrisch interpretieren will. Faktisch dürfte sie aber wie die US-Notenbank gegen eine Inflation von unter zwei Prozent entschiedener vorgehen als gegen eine über zwei Prozent liegende Rate. Die überfällige Normalisierung der sehr lockeren Geldpolitik rückt damit in noch weitere Ferne. Dagegen begrüßen wir den Plan der EZB, die CO2-Verzerrung etwa bei ihren Käufen von Unternehmensanleihen abzubauen."

Thomas Gitzel, Chefvolkswirt VP Bank

"Die Tolerierung von Inflationsraten von über zwei Prozent sind im Moment theoretischer Natur. Zwar werden in den kommenden Monaten die Inflationsraten bei über zwei Prozent liegen. Doch dabei handelt es sich um Basiseffekte - der übergeordnete Teuerungstrend bleibt derweil schwach. Im kommenden Jahr wird die EZB nicht mit zu hohen, sondern mit zu niedrigen Teuerungsraten zu kämpfen haben. Es fehlt dem gemeinsamen Währungsraum an wirtschaftlicher Dynamik. Damit bleibt der Preisauftrieb gedämpft. Gerade deshalb wird eine Zinserhöhung - ganz unabhängig vom Inflationsziel - wohl noch lange Zeit auf sich warten lassen."

Ralf Umlauf und Ulrich Wortberg, Analysten Helaba

"Mit der Einführung eines symmetrischen Inflationsziels verfügt die EZB über eine größere Flexibilität, auch in der Instrumentenwahl kann die EZB auf eine Reihe von Maßnahmen, die in der Krise entwickelt wurden, weiterhin zugreifen. Da zudem das Ziel auf zwei Prozent angehoben wurde, kann davon ausgegangen werden, dass die Geldpolitik bis auf Weiteres locker bleibt. (...) Aus Sicht der Anleger steigt gleichwohl das Risiko höherer Preissteigerungen angesichts dessen und der Gemengelage aus expansiver Geld- und Fiskalpolitik."

Jens-Oliver Niklasch, Ökonom Landesbank Baden-Württemberg (LBBW)

"Der Kernbereich der Geldpolitik wird sich im Alltag anscheinend nicht sehr verändern. Vieles von dem, was beschlossen wurde, schreibt die Änderungen fest, welche die EZB unter dem Druck der jeweiligen Situation in den Jahren seit der Finanzkrise als zunächst unkonventionelle Geldpolitik beschlossen hatte. In erster Linie sind dies die Asset-Käufe und die TLTROs, die damit in den Rang standardisierter Instrumente erhoben werden. Man darf in diesem Zusammenhang gespannt sein, ob diese Instrumente dadurch auch enger definiert werden. Insbesondere die TLTROs waren zuletzt ja eher ein schwer verständliches Geflecht von Einzelregelungen."

TLTRO sind langfristige Refinanzierungsgeschäfte der EZB, mit denen günstige Kreditbedingungen im Euroraum erhalten werden sollen.

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