Ökonomen-Stimmen zu den geldpolitischen Beschlüssen der EZB

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FRANKFURT (dpa-AFX) - Die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihre lockere Geldpolitik an diesem Donnerstag bestätigt. Das Gesamtvolumen des in der Pandemie aufgelegten Krisenkaufprogramm PEPP und die Zinsen bleiben unverändert, wie der EZB-Rat am Donnerstag in Frankfurt entschied. Allerdings wollen die Währungshüter die Anleihekäufe im zweiten Quartal deutlich beschleunigen, da zuletzt die Anleiherenditen gestiegen sind.

Ökonomen zu den Entscheidungen der EZB:

Uwe Burkert, Chefvolkswirt Landesbank Baden-Württemberg (LBBW):

"Die EZB hat schnell auf den Renditeanstieg reagiert und kauft im kommenden Quartal mehr Anleihen im Rahmen des PEPP. Der Spielraum ist ja zunächst auch ohne weitere Erhöhung des Gesamtrahmens vorhanden. Das wird jetzt spannend, wie der Markt darauf reagiert. Es könnte sein, dass einige Akteure die Entschlossenheit der EZB testen wollen, so dass wir noch einen weiteren Renditeanstieg sehen werden. Aber letztlich sitzt die Zentralbank am längeren Hebel, weil sie über unbegrenzte Munition verfügt. Das Statement der EZB ist zudem ein Hinweis darauf, dass sie den Anstieg der Inflation nicht für bedrohlich beziehungsweise mit Blick auf das Ziel von knapp 2 Prozent nicht für nachhaltig hält."

Jörg Krämer, Chefvolkswirt Commerzbank:

"Die EZB hat heute auf den Renditeanstieg der zurückliegenden Wochen reagiert und beschlossen, im zweiten Quartal 'deutlich' mehr Staatsanleihen zu kaufen. Offensichtlich hat sich das italienische Direktoriumsmitglied Fabio Panetta mit seinen weitreichenden Forderungen durchgesetzt. Die EZB betreibt immer mehr eine implizite Zinskurvensteuerung, die mit beträchtlichen Risiken einhergeht, wie die Wirtschaftsgeschichte zeigt."

Ulrich Wortberg, Analyst Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba):

"Die EZB hat die Geldpolitik nicht grundsätzlich verändert. Es bleibt bei der sehr expansiven Ausrichtung. Mit dem Anstieg der Renditen und der Inflationserwartungen besteht allerdings ein gewisser Handlungsdruck, und so hat sie die Flexibilität des Pandemie-Notfall-Programms hervorgehoben und beschlossen, im Rahmen dieses Programms die Käufe vorübergehend zu erhöhen. Die EZB ist bestrebt, für günstige Finanzierungsbedingungen zu sorgen."

Thomas Gitzel, Chefvolkswirt VP Bank:

"Warum sind die Renditen in der Eurozone gestiegen? Es war die scharfe Aufwärtsbewegung im Bereich 10-jähriger US-Treasuries, die auch Einfluss auf die Eurozone hatte. In den USA können die Renditen aufgrund einer guten wirtschaftlichen Entwicklung mit Blick auf das zweite Halbjahr durchaus weiter zulegen. Genau davor dürften sich die europäischen Währungshüter fürchten. Setzt sich der Renditeanstieg in den USA basierend auf einem starken Wachstum fort, könnten sich Staatstitel der Eurozone davon nicht abkoppeln. Christine Lagarde wird solch einem Szenario vorbeugen wollen und erhöht vorsorglich das Wertpapierankaufsvolumen."

Otmar Lang, Chefvolkswirt Targobank:

"Die Europäische Zentralbank will mit ihrer jüngsten Maßnahme sicherstellen, dass die wirtschaftliche Erholung nicht doch noch auf halbem Weg stecken bleibt. Kritiker mögen bemängeln, dass die EZB dabei auch die Refinanzierungskosten der Regierungen im Auge behält. Aber aus diesem Dilemma wird sie so bald nicht herauskommen."

Carsten Brzeski, Chefvolkswirt ING Diba:

"Unserer Ansicht nach gibt es drei wesentliche Erkenntnisse aus der heutigen EZB-Sitzung: Erstens: Die EZB wird durch jede vorübergehende Beschleunigung der Inflation durchschauen und erwartet, dass sich die Inflation im nächsten Jahr wieder abschwächt. Zweitens: Die EZB wird die Ankäufe von Anleihen in den kommenden Monaten vorziehen, um ihre Bereitschaft zu unterstreichen, einen weiteren Anstieg der Anleiherenditen zu begrenzen. Drittens: Die Veränderung der Risikobilanz für den Wirtschaftsausblick deutet darauf hin, dass eine Erhöhung des Gesamtumfangs der Anleihekäufe noch in weiter Ferne und unwahrscheinlich ist. Stattdessen sieht die Entscheidung von heute wie ein Kompromiss eines gespaltenen EZB-Rats aus."