Ökonomen-Stimmen zur EZB-Zinswende

FRANKFURT (dpa-AFX) - Die Rekordinflation zwingt die Euro-Währungshüter zu einem höheren Tempo bei ihrer ersten Zinserhöhung seit elf Jahren. Die Leitzinsen steigen um jeweils 0,50 Prozentpunkte, wie die Notenbank am Donnerstag in Frankfurt mitteilte. Damit entfällt zur Freude der Sparer der Negativzins von minus 0,50 Prozent für geparkte Gelder von Geschäftsbanken. Viele Institute gaben diese Belastung in den vergangenen Jahren an Privatkunden als sogenanntes Verwahrentgelt weiter. Der Leitzins, zu dem sich Kreditinstitute bei der EZB Geld leihen können, steigt von 0 Prozent auf 0,50 Prozent. Für die nächsten Sitzungen kündigte die EZB weitere Zinserhöhungen an.

Um sicherzustellen, dass Zinserhöhungen Länder wie zum Beispiel Italien nicht über Gebühr belasten und um eine Fragmentierung des Währungsraums zu verhindern, legt die EZB zudem ein neues Anti-Krisen-Programm auf, das sogenannte Transmission Protection Instrument (TPI). Ökonomen zu den Entscheidungen:

Ulrich Kater, Chefvolkswirt der DekaBank

"Der EZB-Rat ist über seinen Schatten gesprungen und entgegen seiner bisherigen Kommunikation gleich mit einem halben Prozentpunkt in die Zinserhöhung gestartet. Die Zinsen müssen jetzt zügig Richtung 1,5 Prozent angehoben werden. Ein guter Teil hiervon sollte passieren, solange die Wirtschaftsdaten im Sommer und Herbst noch einigermaßen gut sind. Wenn die Wirtschaft im Winterhalbjahr wegen Energieproblemen stagniert, sind Zinserhöhungen schwierig. Obwohl die EZB die weiteren Zinsschritte von den künftigen Wirtschaftsdaten abhängig gemacht hat, ist ein weiterer großer Zinsschritt von 0,5 Prozentpunkten im September wahrscheinlich."

Ulrich Wortberg, Analyst der Landesbank Hessen-Thüringen:

"Die EZB leitet die Zinswende in einer sehr schwierigen Zeit ein. Einerseits setzt die deutlich oberhalb des EZB-Ziels liegende Inflation von zuletzt 8,6 Prozent die Währungshüter unter Handlungsdruck, andererseits sind die Konjunkturrisiken gestiegen. (...). Letztlich scheint sie sich aber eher der Preisniveaustabilität verpflichtet zu fühlen und daher sind weitere Zinserhöhung zu erwarten. Bezüglich des TPI bleibt abzuwarten, wie es ausgestattet ist und ob das Instrument bei den Marktteilnehmern überzeugen kann. Die Regierungskrise in Italien könnte sich bereits als Lackmustest für das neue Instrument erweisen. Mit der Aussicht auf Neuwahlen sind die Spreads heute deutlich gestiegen."

Carsten Brzeski, Chefvolkswirt ING Bank:

"Die Einigung auf das TPI mussten die Tauben mit einer stärkeren Zinserhöhung bezahlen. Wir alle wissen, dass die heutige Zinserhöhung die Inflation kurzfristig nicht senken wird (...). Die Zinserhöhung sowie potenzielle weitere Erhöhungen zielen alle darauf ab, die Inflationserwartungen zu senken und den beschädigten Ruf und die Glaubwürdigkeit der EZB als Inflationsbekämpfer wiederherzustellen."

Thomas Gitzel, Chef-Volkswirt der VP Bank

"Das neue Anti-Fragmentierungswerkzeug lässt (...) den Verdacht aufkommen, dass die europäischen Währungshüter statt Geld- auch Fiskalpolitik betreiben. Steigende Risikoaufschläge sollten eigentlich Anreiz für Regierungen sein, ihre Staatsfinanzen zu konsolidieren. Dieser Mechanismus hebelt die EZB im Zweifelsfalle mit ihren Wertpapierkäufen aus."

Michael Heise, Chefökonom beim Vermögensverwalter HQ Trust:

"Trotz der Korrektur der Geldpolitik werden die Inflationsraten in 2023 und 2024 noch weit über den Zielen der EZB liegen. Da viel davon abhängt, ob die jüngste Abwärtsbewegung der Rohstoffpreise anhält, ist es richtig, eine flexible und datengetriebene Strategie zu verfolgen. Dass die Ankündigungen der EZB zum Anti-Fragmentierungsinstrument einigermaßen vage geblieben sind, ist der Lage angemessen. Anleihekäufe zur Kontrolle von Risikoprämien für hochverschuldete Länder stünden sehr schnell im Konflikt mit dem Verbot der Staatsfinanzierung und mit der Einhaltung der länderspezifischen Quoten beim Anleihebestand. Ökonomisch bedeuten Anleihekäufe eine Ausweitung der Geldmenge, die die Inflation weiter verstärken könnten."

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