Werbung

Ökonomen-Stimmen zur EZB-Zinsanhebung

FRANKFURT (dpa-AFX) -Die Euro-Währungshüter stemmen sich mit der sechsten Zinserhöhung in Folge gegen die nach wie vor hohe Teuerung im gemeinsamen Währungsraum. Die Europäische Zentralbank (EZB) hebt den Leitzins erneut um 0,50 Prozentpunkte auf nun 3,5 Prozent an. Das beschloss der Rat der Notenbank am Donnerstag in Frankfurt.

Viele Volkswirte hatten damit gerechnet, dass die EZB an dem in Aussicht gestellten kräftigen Zinsschritt festhält, trotz der Unsicherheit im Bankensektor nach dem Kollaps mehrerer kleinerer US-Banken und Sorgen um die Schweizer Großbank Credit Suisse CH0012138530. Die EZB betonte: "Der Bankensektor des Euroraums ist widerstandsfähig: Kapital- und Liquiditätspositionen sind solide."

Ökonomen-Stimmen zu den Entscheidungen:

Thomas Gitzel, Chefökonom VP Bank:

"Richtig so, EZB! Das war ein schwieriger Job für die europäischen Währungshüter. Einerseits ist die Kerninflationsrate zuletzt weiter gestiegen, andererseits zeigen die Turbulenzen im Bankensektor, dass die vollstreckten Zinsanhebungen nicht ohne Folgen bleiben. Die Zinsanhebung um 0,5 Prozentpunkte ist aber richtig, denn die Kerninflationsrate stieg zuletzt unangenehm an - der Preisaufrieb verbreiterte sich also noch."

Jens-Oliver Niklasch, Volkswirt Landesbank Baden-Württemberg:

"Die EZB hält Kurs, das ist richtig und gut, denn jedes Zucken wäre ihr als Schwäche ausgelegt worden. Die Inflationsrate 2025 liegt nach Einschätzung des EZB-Stabes mit 2,1 Prozent nur noch minimal über dem Zielwert. Das heißt, die EZB wähnt sich unter Zugrundelegung der Markterwartungen nahezu auf dem richtigen Kurs. Allerdings haben diese Projektionen die aktuellen Turbulenzen noch nicht berücksichtigen können."

Ulrich Wortberg, Analyst Landesbank Hessen-Thüringen:

"Die Europäische Zentralbank hat trotz der jüngsten Turbulenzen an den Finanzmärkten kühlen Kopf bewahrt und die Leitzinsen, wie bei der letzten EZB-Sitzung im Februar angekündigt, um 0,5 Prozentpunkte erhöht. Marktseitig wurde aufgrund der Sorgen vor einer Ausbreitung der Bankenkrise mehrheitlich auf eine Erhöhung um 0,25 Prozentpunkte gesetzt. In dem die Zinsentscheidung begleitenden Statement hat es die EZB aber vermieden, sich auf weitere Zinserhöhungen festzulegen. Vielmehr wurde auf den datenbasierten Ansatz verwiesen."

Michael Heise, Chefökonom HQ Trust:

"Dass die Europäische Zentralbank trotz der aktuellen Finanzmarktturbulenzen an der im Februar in Aussicht gestellten Zinserhöhung keine Abstriche macht, zeigt, dass sie der Preisstabilität klare Priorität gibt und darin eine unabdingbare Voraussetzung für stetiges Wachstum und stabile Finanzmärkte sieht. Die Notwendigkeit eines solchen Zinsschritts zum jetzigen Zeitpunkt ist jedoch fraglich, denn die Rückschläge an den Finanzmärkten haben die Finanzierungsbedingungen in der Wirtschaft teils erheblich verschlechtert und sie werden - zusammen mit niedrigeren Ölpreisen - die Nachfrage und die Inflation kurzfristig dämpfen. Ein Glaubwürdigkeitsproblem wäre für die EZB auch bei einem kleineren Zinsschritt wohl nicht entstanden. Sehr wichtig ist die klare Botschaft der EZB an die Marktteilnehmer, dass sie über wirksame Politikinstrumente verfügt, um zusätzliche Liquidität bereitzustellen und eine Ausweitung der aktuellen Krise zu verhindern."

Ulrich Kater, Chefvolkswirt Dekabank:

"Die EZB hat sich auch von den Turbulenzen im Bankensystem nicht von ihrem angekündigten Zinskurs abbringen lassen. Das drückt berechtigtes Vertrauen in die Solidität des europäischen Bankensystems aus. Trotzdem müssen Notenbanken und Aufsicht auch in Europa Gewehr bei Fuß stehen, um im Einzelfall schnell stabilisieren zu können. Wirtschaft und Finanzsystem müssen von einer Dekade Nullzinsen entwöhnt werden. Das ist eine mühsame Aufgabe."

Carsten Brzeski, Chefvolkswirt ING:

"Die Europäische Zentralbank kämpft weiter gegen die Inflation (...). Die Sorge um die Preisstabilität übertrumpft eindeutig alle Sorgen um die Finanzstabilität - zumindest vorerst. (…) Was die Märkte und die Zentralbanker derzeit erleben, ist eigentlich das, was Studenten im ersten Jahr des Studiums der Wirtschaftswissenschaften lernen: Die Geldpolitik hat Auswirkungen auf die Wirtschaft. Es sollte niemanden überraschen, dass die aggressivste geldpolitische Straffung seit der Gründung der Eurozone im Jahr 1999 negative Auswirkungen hat und haben wird. Die letzten Tage haben der EZB deutlich vor Augen geführt, dass die nächsten Schritte im Kampf gegen die Inflation sehr viel schwieriger sein werden als die bisherigen Schritte."

/la/bgf/jha/