Ökonom Marcel Fratzscher über die Frage: Habe ich mal weniger Geld als meine Eltern? — Podcast „Die soziale Frage"

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Marcel Fratzscher leitet seit 2013 das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung.
Marcel Fratzscher leitet seit 2013 das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung.

Rund 5500 Euro netto verdienen Luisa, 27 Jahre, und ihr Freund im Monat zusammen. Für ein Haus in Münster reicht es trotzdem nicht, ganz anders als bei Luisas Vater. „Und das, obwohl mein Vater früher Alleinverdiener war und nicht studiert hat“, sagt sie. Niemals habe sie gedacht, dass es bei ihr ein Problem sein könnte, mal ein Haus zu kaufen.

Wie kann es sein, dass es heute für junge Menschen so schwer zu sein scheint, den eigenen Traum zu erfüllen? Haben sie trotz steigender Durchschnittslöhne in Deutschland am Ende doch weniger Geld als ihre Eltern? Diese Frage beantwortet Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, in der sechsten Podcast-Folge von „Die soziale Frage“.

Die soziale Mobilität in Deutschland ist gering, weniger Menschen schaffen den Aufstieg

Früher, so Fratzscher, sei es einfacher für Arbeiter und Arbeiterinnen gewesen, schneller aufzusteigen: In den 60ern, 70ern und 80ern habe es eine riesige Bildungsoffensive gegeben, mehr Menschen konnten Abitur machen und studieren, so der Wirtschaftsprofessor, der in Deutschland zu den bekanntesten Ökonomen zählt. Darunter seien auch häufig Leute gewesen, bei denen die Eltern gar nicht erst die Chance gehabt hätten, Abitur zu machen oder zur Universität zu gehen.

Inzwischen gibt es in Deutschland hingegen nur noch eine geringe soziale Mobilität. „Das heißt, das Einkommen junger Menschen hängt extrem stark von zwei Faktoren ab“, so Fratzscher, nämlich „dem Einkommen und dem Bildungsgrad der Eltern.“ Im Klartext: Kinder aus einem gut situierten Akademiker-Haushalt absolvieren selbst viel häufiger ein Studium und verdienen später mehr Geld als Kinder aus Nicht-Akademiker-Haushalten. Oder noch zugespitzter: Wessen Eltern gut gebildet und einkommensstark sind, ist es am Ende auch. Auf wessen Eltern das jedoch nicht zutrifft, bleibt meist in der unteren Mittelschicht hängen. „Für sie ist es wahnsinnig schwierig, ein gutes Einkommen, einen Lebensstandard zu haben, der so hoch ist oder höher ist als der Eltern und diese Entwicklung nimmt zu“, so Fratzscher.

Geht es nach Ökonom Fratzscher, müsste es demnach Ziel des Staates sein, mehr Menschen unabhängig von ihren Eltern und ihrem Einkommen ein Studium oder eine Ausbildung zu ermöglichen – und damit auch später einen Job mit gutem Einkommen. Dabei ist ein gutes Einkommen in Deutschland weniger als viele denken, so Fratzscher: Aktuell liegt der Median bei rund 3000 Euro brutto im Monat. 50 Prozent der Deutschen verdienen mehr Geld, 50 Prozent weniger. Gleichwohl, räumt Fratzscher ein, habe man es mit diesem Einkommen in teuren Städten wie München, Frankfurt, Berlin oder Hamburg schwerer, über die Runden zu kommen.

Wer kein gutes Einkommen hat, hat womöglich auch später weniger Rente als die Eltern

Ein gutes Einkommen führt darüber hinaus dazu, dass man später auch eine Rente bekommt, von der man leben kann. Gerade hier sei ebenfalls die Politik gefordert, so Fratzscher.

Denn die größte Schwierigkeit für das Rentensystem liegt laut dem Ökonomen im Arbeitsmarkt: Dort gäbe es zu viele Menschen, die schlecht verdienen und in Teilzeit arbeiten würden. Tatsächlich gehört Deutschland zu den Ländern mit den größten Niedriglohnsektoren. Fast jeder fünfte in Vollzeit Beschäftigte in Deutschland arbeitet für einen Niedriglohn, ergab etwa eine Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken. „Menschen mit niedrigen Löhnen werden gar nicht genug Ansprüche in ihrem Arbeitsleben erwerben, um nachher wirklich eine ordentliche Rente zu bekommen“, erklärt Fratzscher. Deshalb müsste es Deutschland schaffen, dass mehr Menschen ein ausreichendes Arbeitseinkommen hätten. „Nur so können sie erstens über die gesetzliche Rente genug Ansprüche erwerben und zweitens genug privat vorsorgen.“ Private Vorsorge bedeutet wiederum weniger Rentenausgaben für den Staat.

Schafft Deutschland es in den kommenden Jahren nicht, das Rentensystem zu reformieren, sieht Fratzscher folgendes auf das Land zukommen: „Junge Generationen werden stärker belastet, Menschen müssen länger arbeiten und ältere werden weniger herausbekommen“, so der Ökonom. Man werde das Renteneintrittsalter auf 70 Jahre oder noch höher anheben müssen. In Zukunft werde es außerdem höhere Rentenbeiträge und Steuern geben. „Das ist leider die bittere Konsequenz, wenn man nicht jetzt anfängt, wirklich dieses System zu reformieren“, so Fratzscher. Die beste Option sei es, mehr Menschen in den Arbeitsmarkt zu bekommen, also mehr Menschen zu haben, die auch Rentenbeiträge einzahlen könnten. „Bessere Löhne zu ermöglichen, das ist eigentlich der Schlüssel, der im Arbeitsmarkt liegt, um eben diese schmerzvollen Reformen im Rentensystem abzumildern.“

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Über den Podcast

Bin ich ein Ossi? Was macht der Klimawandel mit mir? Brauchen wir die Kirche noch? Im Politik-Podcast „Die soziale Frage“ spricht BI-Journalistin Joana Lehner jede Woche über die spannendsten politischen Fragen ihrer Generation. Eine Folge, eine Frage.

Dabei sucht die 29-Jährige bei Menschen nach Antworten, die sich mit den Themen besser auskennen als sie selbst. Sie will tiefer gehen und verstehen, was diese wirklich denken und fühlen. Unterschätzt eine Influencerin ihre Verantwortung? Schämt sich ein Bischof Katholik zu sein? Ist sie selbst rassistisch?

Dafür trifft Joana Lehner unter anderem den katholischen Bischof Bode, die Influencerin Louisa Dellert und den Klima-Aktivisten Jakob Blasel, der in den Bundestag einziehen will.

Die sechste Folge ist ab dem 9. September abrufbar. Ihr findet sie auf Spotify, Apple Podcasts und Deezer. Jede Woche erscheint eine neue Episode. Gefällt euch der Podcast, freuen wir uns natürlich über euer Abonnement oder eure Bewertung.

Über die Moderatorin:

Joana Lehner ist seit 2019 Journalistenschülerin an der Free Tech Academy, ihre Stammredaktion ist Business Insider. Sie hat Germanistik/BWL in Mannheim und Istanbul studiert. Zuvor hat sie unter anderem für „Spiegel TV“, „Die Süddeutsche Zeitung“ in Starnberg und den rbb-Radiosender „RadioEins“ berichtet. Ihre journalistische Karriere begann sie beim „Radio Blau“, einem Lokalradio in Leipzig.

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