Älteste Notenbank befeuert Inflations-Debatte


Ökonomen treibt derzeit vor allem eine Frage um: Wo ist die Inflation geblieben? Obwohl die Wirtschaft in Ländern wie den USA oder Deutschland deutlich wächst und die Arbeitslosigkeit sinkt, steigen Löhne und Preise kaum. In den gängigen Ökonomie-Lehrbüchern taucht dieses Szenario bisher nicht auf. Nicht wenige Kritiker stellen deshalb das gängige Inflationsziel der Notenbanken von zwei Prozent infrage.

Während die Notenbanker und Ökonomen in Jackson Hole nur reden, bereitet sich die älteste Zentralbank der Welt bereits darauf vor, bald zu handeln. Bislang verfolgt die 1668 gegründete schwedische Zentralbank ein striktes Inflationsziel von zwei Prozent. Nun jedoch liebäugelt sie damit, ein „Variationsband“ von einem Prozentpunkt um den Zielwert herum einzuführen. Das Band würde also zwischen einem und drei Prozent liegen. Das bestätigte Vize-Zentralbankchefin Kerstin af Jochnick am Donnerstag in Stockholm. Außerdem könne man einen Preisindex als Maßstab einführen, der Hypothekenkosten ausschließt.

Auch wenn die unmittelbaren ökonomischen Folgen dieses Schrittes eher gering wären, hätte er doch große symbolische Bedeutung: Dahinter steht auch das Eingeständnis, dass sich das Ziel von etwa zwei Prozent nur schwer erreichen lässt. Die meisten Notenbanken der Welt streben dies an, weil sie hohe Preissteigerungen vermeiden, aber auch einen Sicherheitsabstand zur Nullgrenze gewährleisten wollen. Die Stabilität der Preise gilt als eines der wichtigsten wirtschaftspolitischen Ziele, unter anderem, um der Bevölkerung und den Unternehmen eines Landes den Wert ihres Geldes und ihrer Investitionen zu sichern.


Die schwedische Notenbank rechnet damit, den endgültigen Beschluss auf dem geldpolitischen Treffen am 6. September fassen zu können, so af Jochnick. Vieles deute darauf hin, dass dann die Änderungen beschlossen würden, schreibt auch Torbjörn Isaksson, Ökonom der schwedischen Nordea Bank, in einer Analyse.

Die Entscheidung kommt zu einer Zeit, in der weltweit Ökonomen das Inflationsziel von zwei Prozent infrage stellen. Bereits kurz nach dem Ausbruch der Finanzkrise 2010 empfahl der damalige Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF), Olivier Blanchard, das Ziel von zwei auf vier Prozent zu verdoppeln. Er argumentierte, dass sich dadurch etwa die Schulden leichter abbauen ließen. Der frühere Präsident der Fed Minneapolis sagte jetzt der Börsen-Zeitung, dass es sinnvoll erscheine, „über eine Erhöhung des Inflationsziels nachzudenken.“


Langfristige Effekte sind schwer vorherzusagen


In Schweden versuchte die Vize-Zentralbankchefin die möglichen Änderungen dort jedoch herunterzuspielen. Eine solche Entscheidung werde nichts am Kurs der Notenbank ändern. „Es ist wichtig, zu unterstreichen, dass diese Vorschläge keinerlei Veränderung der Geldpolitik beinhalten”, so af Jochnick. Die Reichsbank in Stockholm werde immer ein Inflationsziel von zwei Prozent anstreben, unabhängig davon, ob die Inflation momentan außerhalb oder innerhalb des Variationsbandes liege, erklärte sie. Mit dem Variationsband werde verdeutlicht, dass die Inflation nicht jeden einzelnen Monat genau bei zwei Prozent liege. „Das Band kann klarer zeigen, was die Geldpolitik bewirken kann und was nicht“, sagte af Jochnick.


Der Zeitpunkt für die Änderung ist in Schweden gut. Jahrelang hat die Notenbank versucht, die Inflation durch eine monetäre Lockerung mit Negativzinsen sowie Anleihekäufen zu erhöhen. Das Ziel wurde allerdings nicht erreicht. Im vergangenen Monat aber übertraf die Inflation erstmals seit 2011 die entscheidende Marke und stieg auf 2,2 Prozent. Damit muss sich die schwedische Notenbank nicht dem Vorwurf aussetzen, dass sie ihr Instrumentarium genau dann ändert, wenn sie ihr Ziel verfehlt. „Während des Sommers haben sich Wachstum und Inflation stärker als erwartet entwickelt”, erklärte af Jochnick.

Auf kurze Sicht dürften mögliche Änderungen des Inflationsregimes den geldpolitischen Ausblick in Schweden kaum beeinflussen, glaubt Nordea-Ökonom Isaksson. Die langfristigen Effekte seien hingegen schwerer vorherzusagen. Dies wäre ein kleiner Schritt in Richtung mehr Flexibilität und könnte dazu führen, dass die schwedische Notenbank „weniger entschlossen reagiert, wenn die Inflation von ihrem Ziel abweicht“, schreibt er.

KONTEXT

Zentralbanken und Negativzinsen

Japan

Satz der Hauptrefinanzierungsgeschäfte (Leitzins): 0,0 Prozent

Einlagenzinssatz für Banken: -0,1 Prozent

Schweiz

Satz der Hauptrefinanzierungsgeschäfte (Leitzins): -0,75 Prozent (15.01.2016)

Einlagenzinssatz für Banken: gestaffelt -0,75 Prozent

Dänemark

Satz der Hauptrefinanzierungsgeschäfte (Leitzins): 0,05 Prozent

Einlagenzinssatz für Banken: -0,65 Prozent

Schweden

Satz der Hauptrefinanzierungsgeschäfte (Leitzins): -0,5 Prozent

Einlagenzinssatz für Banken: -0,5 Prozent

Euro-Zone

Satz der Hauptrefinanzierungsgeschäfte (Leitzins): 0,0 Prozent

Einlagenzinssatz für Banken: -0,4 Prozent